Irritierende Erinnerungen

Inhalt

Es gibt da einen Mann, der hatte dies getan

Es gibt da einen Mann, der hatte dies getan. Ich find das seltsam, aber irgendwie auch sehr phantasiereich, um an sein Innen zu kommen, oder sein, ja. Seine Frau hatte verschiedene Freundinnen, und eine Freundin mochte er gar nicht. Und diese Freundin übernachtete öfters auch mal in der Wohnung von diesem Pärchen, und dann hat er sich einfach mal nachts auf die Matratze von ihr geschlichen und ihr die Unterhose runtergezogen und gesagt: Ich wollte mal wirklich kucken, ob ihr alle da unten so rasiert seid, wie ihr das heute mittag im Gespräch mal erwähnt habt. Und die Freundin war natürlich so sauer, und die Frau von dem Mann war natürlich auch sauer, wollte aber die Freundschaft mit der Freundin nicht kündigen. Und da denk ich mir jetzt, ist das frauenfeindliches Handeln? Was hat der Mann da getan? Tja, seltsam fand ich das. Die Frau, der das passiert ist, hat das nur mir erzählt. Und ich kenn die und wollte das jetzt eigentlich immer für mich behalten, und bin mal neugierig, ob es solche Dinge öfters gibt, dass Männer so reagieren, so unverschämt und so dreist. Das war meine ganz kurze Geschichte. Das ist eine frauenfeindliche Sache, die da geschehen ist, und, ja, das wars.


Ich bin mal sozusagen zum Dieb geworden

Ähm, also, in meiner Kindheit, da gabs mal, ähm, ja, da bin ich so, sozusagen zum Dieb geworden. Ähm, also ich bin dann so in so ein Kiosk reingegangen und ich hatte son bisschen Geld. Und dann hab ich mir so, irgendwelche Süßigkeiten wollte ich mir kaufen, uuuuund dann hab mir halt immer noch son paar heimlich eingesteckt. Und ja, das war da halt ziemlich fies von mir. Ja, und man hört sich hier als Echo, ja.


Wir hatten mal einen Außendiensteinsatz

Also, wir hatten mal einen Außendiensteinsatz und waren zu viert, zwei Frauen und zwei Männer. Und dann hatten wir zwei Hotelzimmer mit jeweils Doppelbett. Und weil wir aber keine Paare waren, sollten dann halt die zwei Männer und die zwei Frauen jeweils dann da schlafen. Jetzt war das Problem, dass ich mit dem Mann in dem Doppelbett schlafen sollte und auch den Abend mit ihm verbringen musste. Und ich ihn aber eigentlich überhaupt nicht mochte. Das hieß, wir sitzen dann so an der Bar den ganzen Abend, und um das ganze Gesabbel von ihm ertragen zu können, musste ich natürlich ganz, ganz viel Bier trinken, und zwar Weizenbier, was ich sonst nie trinke. Und ein Bier nach dem anderen, und er erzählt immer und erzählt, und ich trink noch ein Bier und trink noch ein Bier und trink noch ein Bier und trink noch ein Bier, und trink und trink und trink. Naja, dann geh ma ins Bett. Er schön auf der rechten Seite, ich auf der linken Seite. Und ich war also wirklich gut abgefüllt, damit ich das überhaupt ertragen kann. Naja, und wie das dann halt so ist, was träumt man dann an so nem Abend, in so ner Nacht. Ich weiß nicht mehr genau, wahrscheinlich war ich irgendwo an einem Bach gesessen, und das Wasser läuft und läuft und läuft schön und läuft, und dann bei mir läufts auch und läuft und läuft und läuft und läuft. Und ich wach auf einmal auf und denk: War das jetzt echt oder was und fühl an mir herunter und denk: Ach du Scheiße. Meine Seite vom Bett total durchnässt. Alle, die Decke, mein Pyjama, das Laken. Der Typ neben mir schläft immer noch. Ich denk: Scheiße, Scheiße, was mach ich jetzt? Na gut, versuch mich dann so ausm Bett rauszuschleichen, geh ins Bad rüber, hol Tücher und Servietten, alles Kram. Und wisch da rum und versuch das zu trocknen, dass der Typ bloß nich aufwacht und das merkt. Und im Endeffekt weiß ich gar nich, ob er sich nur schlafend gestellt, oder ob er das alles mitbekommen hat. Aber, ja, Sachen gewechselt, das versucht alles trocken zu machen, und, naja, ich musst mich ja hinlegen, war ja eigentlich noch mitten in der Nacht. Und dann lag ich dann da, in dieser halben Pfütze da noch drin, morgens aufwachen, hehehe, guten Morgen. Und, naja, er hat sich nix anmerken lassen. Aber ich muss sagen, also das war so eine von den richtig peinlichen Geschichten in meinem Leben. Und, also nee sowas sollte mir nicht nochmal passieren. Alleine wär ja kein Problem gewesen, aber mit dem Typ, den ich überhaupt nicht mochte, na das war so richtig Scheiße.


Eine sehr traurige Geschichte

Also die Geschichte, die ich erzählen möchte, ist eine sehr traurige Geschichte, sie geht um meinen Exfreund Nico, mit dem war ich ein paar Jahre zusammen, mal so, mal so, so on off könnte man das ja heute Neudeutsch nennen, auf jeden Fall, ähm, Nico und ich, wir waren zusammen und mehr oder weniger glücklich, er war verliebt, ich nicht so, und, ähm, eines Tages, da ham wir uns aus den Augen verloren, es gab Streit, und dann, anderthalb Jahre später ham wir uns wiedergetroffen, auf dem Geburtstag von ner Freundin und plötzlich, da waren wir wieder ganz ganz verliebt, alles war wieder ganz toll. Dann wurde ich schwanger … und wollte das nicht, und er wollte es auch nicht. Dann haben wir uns gemeinsam dazu entschieden, es nicht zu bekommen. Alles war gut, und wir waren zwar weiterhin kein Liebespaar, aber befreundet. Jeder hatte dann zwischenzeitlich auch andere Partner, und es war alles ganz toll … und wir ham uns dann auch noch mal gesehen, in Hamburg. Na ja und dann war er dann im Urlaub und ist dann verunglückt, weil sein Fallschirm nicht aufgegangen ist, und das tut mir deshalb sehr leid, weil, mhm, weil ich mir dann manchmal denke, wenn ich damals das Kind, mhm, bekommen hätte, hätten wenigstens seine Eltern noch etwas von ihm. Andererseits denke ich mir, vielleicht wäre er ja auch gar nicht gesprungen, vielleicht wär nichts passiert … Im Endeffekt kann ich sagen, dass alles, wie es ist, gut ist, und dass ich oft an ihn denke und ihn vermisse, aber auch oft von ihm träume und, ähm, ich glaube, er wird auch niemals vergessen sein und er wird mir auf jeden Fall immer im Herzen bleiben. Und das wichtigste ist eben, dass ich es nicht bereue und dass ich mir nicht die Frage stelle, was wäre gewesen, wenn … sondern dass ich es ganz in Frieden entschieden habe, und glücklich bin … und, ja … das war’s.


Meine Geschichte is schon sehr-sehr lange her.

Ähm, also. Meine Geschichte is schon sehr-sehr lange her. Sie hat sich abgespielt im Kindergarten. Ich kann mich dunkel daran erinnern, aber ganz genau eigentlich doch. Ähm, ich hatte ne gute Freundin. Wir haben zusammen ne Menge Scheiße gebaut. Unter anderem haben wir die kleinen Jungs geärgert, und da kam es vor, das wir einem kleinen Jungen, äh die Hose runtergezogen haben. Das war natürlich in einem katholischen Kindergarten, der von Schwestern geführt wurde, die auch noch so in Tracht rumliefen, ähm, wahrscheinlich das Schlimmste. Egal. Auf jeden Fall ham sie uns dabei erwischt und bestraft. Und dann durften wir an dem Tag nicht zuhören bei der Geschichte, die erzählt wurde. Wir mussten in der Sonne sitzen und, äh, unsere Strafe absitzen. Und die kleine Schwester, die war nur so 1,50 groß, hat uns mit Brennnesseln die Oberschenkel ver-, versengelt. Ähm, das kam mir jetzt als Kind wahrscheinlich schon komisch vor, aber da ich natürlich auch was Böses gemacht hatte, hab ich halt die Bestrafung akzeptiert und zuhause nich erzählt. Wahrscheinlich wär das ein Riesenskandal geworden, aber, tja. Meine Freundin hat dann die gleiche Bestrafung bekommen, hat sich noch Salbe geben lassen von der Schwester hinterher. Und… Ja, ich war dann so trotzig, hab gemeint: Nein, will ich nich. Und hab den ganzen Tag zuhause dann im dunkeln Zimmer geschmollt, damit das auch niemand merkt, und hab auch Niemandem was davon erzählt. Irgendwann ist das dann rausgekommen, weil meine Tante in nem Kindergarten gearbeitet hat zu der Zeit, und ich glaube, 20 Jahre später oder so hat sie das mal meiner Mutter erzählt tatsächlich. Und dann gabs natürlich schon son kleinen Skandal, aber, ja, is ja irgendwie verjährt.


Es war im September

Es war im September und wir wanderten zu zweit in Frankreich in den Pyränäen. Wir waren zwei oder drei Tage unterwegs an diesem Tag. Es ist dann spät geworden und bei anbrechender Dunkelheit sind wir dann vom Berg abgestiegen, jetzt müssen wir in ein Dorf und irgendwo was finden und uns da ein Quartier oder eine Schlafstätte suchen. Wir sind also runtergegangen und kamen in ein Dorf, das war schwach erleuchtet. Alles sonst dunkel, alles schlief. Ein kleines Dorf, und es war nur ein kleiner Brunnen dort und der plätscherte vor sich hin. Wir gingen da hin und in dem Brunnen waren Kisten voller Getränke, alles, was es so gab. Wir dachten, was ist das, alles hier frei zugänglich. alles sonst leer hier. Dann sind wir so auf dem Platz rumgelaufen, auf einmal kommt in meinen Blick ein Restaurant mit einem ganz merkwürdigen Vorbau. So aus Holz gebaut, eine Terasse, so ein Vordach, wie ich das da in der Gegend überhaupt noch nicht gesehen habe. Ein bisschen hat mich das interessiert, weil ich gerade frisch ausgelernt hatte als Zimmermann. ich hab das da ein bisschen angeschaut und gedacht, merkwürdig, hier so ein Vorbau, da muss irgendwas dahinter stecken. Das interessiert mich, da gehen wir morgen früh noch mal hin zum Kaffee trinken. Wir sind dann raus aus dem Dorf und haben irgendwo geschlafen in einem alten Stall und sind frühmorgens wieder in das Dorf gegangen. Kamen da also in dieses Restaurant, es war auch geöffnet und innen sah es genauso aus wie der Vorbau: alle Möbel, Stühle, Tische, Schränke eher elegant und mit viel Arbeit und mit edelsten Verbindungen und Profile, wie ich sie noch nie gesehen hatte. und es wirkte ganz komisch. Dann sah ich in einer Ecke eine alte Dame, die mich anguckte, als sei ich die Erscheinung schlechthin und käme von einem anderen Stern. Sie beobachtete mich, wir bestellten einen Kaffee und ihr Blick ließ mich gar nicht los von mir. Es war alles sehr merkwürdig. Dann fragte ich, wer das denn gebaut hätte, es würde mich interessieren. Dann sagte sie, es sei ihr Mann, seine Werkstatt sei gleich da vorne, sie würde mich dahin führen. Sie führte mich dorthin, an Gärten vorbei, dort saßen lauter alte Leute, die alle darauf warteten, dass endlich mal jemand vorbei kommt. Wir gingen dann alle zusammen in die Werkstatt und er hatte dort wirklich Maschinen, einen Maschinenpark, wie ich ihn noch gar nicht gesehen hatte. Er erzählte mir so ein bisschen, was er so macht und zeigte mir sein Lager, voll bis obenhin mit Holz. Wir kamen ins Gespräch und sie luden mich ein ins Café und ob wir noch mal richtig Mittag essen wollten. Ja, und ob ich denn Zeit hätte und wohin wir eigentlich unterwegs seien und ob ich mal einen Tag dableiben will zum Arbeiten oder vielleicht zwei oder drei, auch eine Woche wäre gut. Es stellte sich raus, dass da wohl viel Arbeit sei. Ich sagte, ja okay, wir machen erst mal die Wanderung zu Ende, ich komme dann und bleibe eine Woche. Das tat ich dann auch. nach einer Woche fuhr ich dann also mit meinem Motorroller ins Dorf, bekam auf der anderen Seite des Hotels in einem alten Hotel ein Zimmer und fing an, dort zu arbeiten. Dann sah ich, dass dieser Patron dieses Hotel ausbaute und alles in diesem merkwürdigen Stil. Ich fragte ihn, was das denn soll, er fing dann an, mit mir Spanisch zu reden. Ich wollte aber erst mal Französisch lernen und dann aber Spanisch. Es stellte sich heraus, dass er eigentlich schon immer nach Lateinamerika auswandern wollte, es bisher aber nicht geschafft hat und es nicht mehr schaffen würde. und jetzt baut er sich ein Gaucho- Restaurant dort. Die Aufgabe ist viel zu groß geworden und nun bin ich gerade da und ich solle doch bleiben. Vierzehn Tage und dann blieb ich vier Wochen. Und diese Frau hörte überhaupt nicht auf, mich immer so anzustarren, fast mit Tränen in den Augen. und ich hab immer gedacht, was ist das für eine Geschichte hier. Ich las zu der Zeit das Buch „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Marquez und ich hatte das Gefühl, ich bin in Macondo angekommen. Auch alle Dorfbewohner waren merkwürdig, und diese Frau hörte gar nicht auf, so komisch zu schauen. Dann kam noch der Pastor dazu eines Tages und sie schossen Tauben und wir aßen sie zusammen. Überhaupt kam immer das ganze Dorf zusammen und wir waren immer in diesem Restaurant, aber wir waren eigentlich die Einzigen. Ich hab dort nie einen Gast gesehen, der dort geschlafen hat. Ich bin dann wie gesagt länger dort geblieben, dann sogar drei Monate, dann gefahren. Ich bin dann nach fünfzehn Jahren das erste Mal wieder hingefahren und hab dann noch mal dieses Restaurant aufgesucht und es hatte sich seitdem eigentlich gar nichts getan. Der Mann war wohl recht schnell gestorben und nur noch die Frau lebte dort. Dann fragte ich, was denn da vorgefallen sei in der Zeit, dann sagte sie mir, dass zu dem Zeitpunkt, als ich kam, wenig davor, war ihre Tochter mit einem jungen Mann aus Frankfurt, der auch etwas mit Holz zu tun hatte und eventuell dort miteinsteigen wollte, der ist zusammen mit der Tochter nach Australien gefahren. Wenig später bekamen sie eine Karte aus Australien, eine Mitteilung, in der stand, dass ihre Tochter und dieser junge Mann aus dem Fenster gefallen seien und tot seien. Und ich muss wohl in dem Moment, als ich in dieses Restaurant kam, ähnlich ausgesehen haben. oder alles wurde projiziert. auf jeden Fall hat mich insbesondere die Frau mit dieser ganzen Wucht ihrer Erinnerungen konfrontiert und in mir ihren Schwiegersohn gesehen und die Erinnerung an ihre Tochter und der Mann damals hatte in mir die Möglichkeit gesehen, doch noch seinen Traum eines Gaucho-Restaurants dort zu erfüllen und bevor er stirbt, seine Kräfte waren nämlich am Schwinden, das noch zu realisieren. Von daher waren diese drei Monate eine in jeder Hinsicht eine ganz besondere Zeit, absolut irritierend und ich habe in jeder Sekunde das Gefühl gehabt, mit Projektionen, Träumen, Verwirklichungen und völligen Absurditäten der Leute konfrontiert zu werden und überhaupt nicht zu verstehen. Die wesentliche Erinnerung, die ich an diese Zeit habe, ich las ein Buch und kam in diesem Buch in dieses Dorf und hatte das Gefühl, dass dieses Buch anfing zu leben, nur dass das Dorf nicht Macondo hieß, sondern Saint Masère le Desert.


Ich hab ihm mal n Stoßgebet geschickt

Also ich glaub nicht an Gott. Aber ich hab ihm mal n Stoßgebet geschickt. Da warn wir auf ner Fahrradtour, und, in Ungarn, am Ende der Welt. Und warn fix und fertig, n halben Tag im Regen gefahrn, und nass und kalt. Und mussten aus einer Stadt nochmal weiter weils kein Hotel gab und nochmal die nächste, 30 km weiter, fix un ferdich. Und die andern ham so getrödelt und ich bin vorgefahrn. Hab gesagt: Ich will jetzt schnell los. Und die hatten da noch irgendwas, und dann bin ich vorgefahrn, und kam über ne Brücke. Und auf der Brücke warn auch Eisenbahnschienen. Da kamen die Eisenbahnschienen so von schräg auf die Brücke drauf, und die Eisenbahn, wenn sie da drüber fuhr, fuhr n Stück auf der Straße, und hinten wieder neben die Straße, also zweigte so rein und wieder raus. Und es regnete ja, und ich bin auf diese Eisenbahnschiene, und obwohl ich aufgepasst hatte, man weiß ja Eisenbahnschienen und so, hats mich unheimlich hingelegt mit dem Fahrrad. Und da war auch viel Autoverkehr. Also ich hatte Glück, da war gerade hinter mir keiner, also dass mich keiner plattgefahren hat. Aber das hätte auch anders ausgehen können, also da hätte ich auch vom Auto überrollt werden können. Und ich, Pedale verbogen, und ich hab mir wirklich sehr am Bein wehgetan und irgendwas. Und ich stand auf und hab kurz überlegt: Soll ich jetzt auf die anderen warten und die warnen? Also sehr gefährlich. Und hab mich dann dagegen entschieden. Hab mich geärgert, dass die nicht kamen, also dass die nicht gleich mitgefahren waren und bin also weitergefahren. Und, es war glaub ich auch schon dunkel, vielleicht, ich weiß es nicht. Dann in diesen Ort und dann an den verabredeten Treffpunkt, und stand da und wartete und wartete und wartete und wartete, und die kamen und kamen und kamen nich. Und je länger ich da stand und wartete, desto schlimmere Bilder kamen in mir hoch. Ähm, von nem Unfall, der da passiert sein könnte, also einer meiner Freunde auch auf der Schiene ausgerutscht und der nächste Lastwagen über ihn drübergefahrn. Und ich stand, und diese grausamen Vorstellungen trieben durch mich durch. Und, und ich war auch so allein da, und ich war da so erschöpft von dem anstrengenden Tag. Und die kamen einfach nicht. Und je länger ich da stand, desto sicherer wurde ich mir, dass dadurch, dass ich nicht da geblieben war und sie nicht gewarnt hatte, wahrscheinlich einer meiner Freunde jetzt vom Auto überrollt worden war. Und das war der Moment, wo ich ein Stoßgebet zum Himmel geschickt hab. Und ich glaub nicht an Gott, aber ich hab tatsächlich dann diesen berühmten Satz gesagt: Lieber Gott, mach dass … Mach, dass das und das jetzt nicht passiert ist. Und paar Minuten später kam irgendeiner um die Ecke von meinen Freunden und sagte: Ach, du stehst wirklich hier, nee, wir sind alle längst in der Pension, wir ham schon geduscht, des is super da. Äh, gleich gibts Essen, und alles ist gut. Und ich bin, war total verdattert. Hätt ich mich ja auch ärgern können, dass die nicht an den Treffpunkt gekommen waren. Das war mir aber ganz egal, weil allen gings gut, das war das allerwichtigste. Ich bin da hin, und das war so, alles war schön, und wir ham sozusagen verdiente Ruhe nach den anstrengenden Tag gehabt. Und ich frag mich ab und zu, hahaha, obs sozusagen Zeitspaltungen gibt, und ob, obwohl ich ja nicht an Gott glaube, vielleicht doch, haha, Gott in dem Moment, als ich das Stoßgebet geschickt hatte, gemacht hat, dass was, was vielleicht schon passiert war, wieder rückgängig wurde. Also dass es vielleicht den Unfall gab und Gott dem Gebet stattgegeben hat und entschieden hat: Ok, na dann soll die Realität eben doch gut weitergehen. Und, ähm, es ist eben kein Unfall passiert. [lange Pause] Es ist wahrscheinlicher, dass sowieso nichts passiert ist und wäre, aber ganz ausschließen würd ichs nicht. Vielleicht war da n Wunder.

Angst vorm schwarzen Mann

Früher, als ich so um die zwölf, dreizehn gewesen bin, habe ich im Sommer sehr oft meine Tante in München besucht … da war’s natürlich sehr schön und da ham wir viele interessante Sachen gemacht. Und meine Tante, die hatte zwei Töchter, die waren deutlich jünger als ich, ich glaub, keine Ahnung, fünf und sieben, und die warn eigentlich ganz süß, und eines Tages warn wir in der Stadt, im Englischen Garten, und dann kam ein Schwarzer auf uns zu. Und dann scheint, also das konnte ich mir gar nicht vorstellen, aber anscheinend war das so, dass die Kinder noch nie einen schwarzen Menschen gesehen hatten, und als der auf uns zukam, also er kam gar nicht auf uns zu, sondern ging nur vorbei, haben die beide angefangen zu schreien wie am Spieß und sind total ausgerastet, und man hat gesehen, dass der Mensch, wegen dem sie ausgerastet sind, das bemerkte, und mir war das in dem Moment so peinlich, dass ich wirklich gar nichts mehr sagen konnte. Ich bin dann weggerannt und bin einfach losgerannt und in die Stadt und äh, hab mich natürlich, weil ich mich da gar nicht so gut auskannte, total verlaufen und bin dann erst irgendwann am Abend wieder zurückgekommen. Die haben auch nicht richtig in der Stadt gewohnt, sondern in einem Vorort, wo man hinkommen musste, und das war alles ganz schrecklich – und natürlich war’s auch meiner Tante total peinlich, weil, weil ihre Erziehung da so komplett versagt hat, und jedenfalls ham wir da nie drüber gesprochen, weder unternander noch mit meinen Eltern noch irgendwer, und das, ja, das war ganz schrecklich.


Es war kein Sommer mehr

Es muss 1997 gewesen sein, mein Freund und ich waren noch nicht so lange zusammen, vor allem nicht so lange, um komische Geschichten aushalten zu können, aber lange genug, um uns fürchterlich zu vermissen. Wir führten eine Fernbeziehung, und es war endlich nach drei Wochen wieder ein Wochenende, an dem wir uns sehen würden. Ich saß im Zug nach Berlin, der Zug war ziemlich leer, und ab Halle saßen ein Typ und ich allein in nem relativ großen Abteil. Da hörte ich es dann immer lauter. Er stöhnte. Ahhhh. So richtig vom Grunde seines Herzens. Dann öffnete er sein Jackett, irgendwie, und hatte darin eine Flasche Cola und eine Flasche Whisky und trank abwechselnd aus der Cola- und aus der Whiskyflasche. In regelmäßigen Abständen stöhnte und seufzte er, aber ernsthaft. Wir saßen jetzt ganz allein im Abteil, ich glaub, es war hinter Halle, und ich konnte gar nichts anderes tun, als auf dieses Stöhnen zu hören. Also, es war ein Platz zwischen uns frei, lehnte ich mich zu ihm rüber und sagte: Du, wir kennen uns nicht, wir sitzen jetzt noch mindestens eine Stunde zusammen im Zug, es gab keinen Halt mehr, und wenn du willst, erzähl mir einfach deine Geschichte. Wir sehn uns ja nie wieder. Vielleicht tut es gut, wenn du deine Geschichte erzählst. Da guckt er mich ein bisschen komisch an und stöhnte immer wieder und fing stockend an zu erzählen, dass er auf dem Weg nach Berlin sei. Dass er alles hinter sich gelassen hätte und dass das ein letzter finaler Gang sei. Er hätte keine Rückfahrkarte. Er käme aus Bitterfeld. Aus Bitterfeld war er, genau. Und er hatte eine Tochter, die er jetzt nicht mehr sehen dürfe, weil es einen Sorgerechtsstreit mit seiner Frau gab und so weiter und so fort, und er sei auf dem Weg nach Berlin, um sich umzubringen … Ah ja … Das wollte ich irgendwie nicht hören, aber ich glaubte ihm auch noch nicht so richtig am Anfang. Ich hab dann erstmal die typischen Fragen gestellt, die jeder stellt: Ja, gibt es nicht die Möglichkeit übers Jugendamt, und hast du nicht dies versucht und hast du nicht jenes versucht … er war sehr geduldig mit mir und trank in größeren Abständen als zuvor … Natürlich ging ihm meine Fragerei auf den Geist, aber ich konnte jetzt auch nicht mehr so tun, als würde ich seine Geschichte nicht kennen. Ich erinnerte mich fieberhaft an Psychiatrieunterricht und Krisenintervention und probierte alles aus. Bis ich zum Schluss alle Register zog und sagte: Na ja, du bist jan Arsch, das kannste nicht machen. Das kannst du doch deiner Tochter nicht antun, denn er hatte ernsthaft geplant, sich in Marzahn oder Hohenschönhausen am Baugerüst hinter der Wohnung seiner Exfrau aufzuhängen. Mit einem Bademantelgürtel, den er tatsächlich bei sich führte. Also er zeigte mir diesen Bademantelgürtel, er hatte das alles probiert … Nachdem ich begriffen hatte, dass der Mann wirklich ernst machte, wurde mir ganz schön schlecht, und ich, ich hab mich irgendwie verflucht, warum hast du ihn gefragt, jetzt musst du das mittragen, diese Geschichte und seine Entscheidung. Immer wieder versuchte ich irgendetwas, um ihn davon abzubringen. Mir fiel aber dann irgendwann nichts mehr ein. All diese Überlegungen hatte er selber schon angestellt. Dass es für seine Tochter wohl furchtbar sein würde und gerade wenn sie ihn auch sehen und finden würde, aber er sah keine andere Möglichkeit mehr. Er hatte seine Wohnung gekündigt, ich glaube, er hatte seiner Mutter Bescheid gesagt, äh dass er den Job kündigen würde, ansonsten gab es niemanden. Mir lief’s abwechselnd kalt und heiß den Rücken runter, ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, ich wollte, ich freute mich eigentlich auf meinen Freund, aber jetzt war alles anders gekommen, und wir warn kurz vor Berlin. Ich hatte nichtmal n Handy damals, um irgendwie Bescheid zu sagen oder irgendetwas, und ich hatte vor allem keine Ahnung, was ich tun sollte. Und mir war inzwischen aber wirklich klar, dieser Mann war auf dem Weg dahin, sich das Leben zu nehmen. Ich dumme Kuh hatte ihn gefragt, ob er sich erleichtern wolle. Ich glaub, er hat sich erleichtert. Aber mir ging’s gar nicht gut damit. Und ich weiß nicht, wer das könnte, jemanden sehenden Auges ins Verderben rennen zu sehen. Wir fuhren in Berlin ein, und ich verabredete mit ihm, er hieß Dirk, das hatte er irgendwie fallen lassen, und auch, als er über sich in der dritten Person gesprochen hatte, nannte er einen Nachnamen, irgendwas wie Osborn oder keine Ahnung, und wir verabredeten, dass wir erst noch einen Kaffee trinken gehen würden gemeinsam, und er dann seinen Weg gehen solle, was auch absurd erschien. Aber es war das einzige, dieses schlimme Gefühl noch ein bisschen nach hinten hinaus zu ziehen. Wir kamen auf dem Bahnhof an, und er blieb auch bei mir – er hätte ja weggehen können irgendwie, er blieb da, und ich traf meinen Freund auf dem Bahnsteig. Ich sah bestimmt nicht aus, als ob ich mich wahnsinnig auf ihn gefreut hätte, und hatte diesen Typen im Schlepptau. Dann hab ich kurz erklärt, worum es ging, und hab gesagt, lass uns n Kaffee trinke gehen mit diesem, ja, Dirk, mit diesem Typen. Mein Freund war einverstanden. Ich war total glücklich. Und wir wollten Kaffee trinken gehen Es war am Alexanderplatz. Ja, Alexanderplatz sind wir ausgestiegen. Dann mussten wir auf Toilette, und das Café unten, das einzige, das noch aufhatte, es war, glaube ich, viertel nach zehn abends, war irgendson Backshop und dessen Toilette war kaputt. Das heißt, wir mussten eine Toilette suchen. Die einzige Möglichkeit, die uns da empfohlen war, war die Toilette im Spielcasino vom Forum Hotel. Wir also mit dem Fahrstuhl in den dreizehnten Stock hinaufgefahren, und der Türsteher vom Casino hat uns auch tatsächlich auf Toilette gehen lassen, obwohl keiner von uns nen Anzug trug oder irgendwas, die wussten scheinbar, dass unten die Toilette kaputt war. Wir sind auf Toilette gegangen und standen danach alle drei noch einen Moment oben im dreizehnten Stock des Casinos und guckten runter auf den Alex und haben überlegt, das wär ja auch ne schöne Möglichkeit, sich das Leben zu nehmen. Aber da waren ja Scheiben. Dann sind wir wieder runter gefahren, ham was getrunken und mein Freund hat genau wie ich versucht, ihn umzustimmen, ihn irgendwie abzubringen von, von seinem Plan, von seinem Vorhaben. Und er guckte immer nur ganz traurig. Er hatte riesengroße dunkle Augen. Und irgendwann war der Kaffee zuende, war der Kaffee alle. Ich weiß gar nicht, ob’s überhaupt Kaffee oder Cola war, irgendwas. Und wir standen aufm Alexanderplatz. Es war kein Sommer mehr. Es war auch kühl. Und wussten alle nicht, was wir tun sollten. Bis auf ihn. Er hatte seinen Plan fertig und fragte dann, wo’s zur S-Bahn geht. Dann haben wir ihn gehen lassen. Was sollten wir machen? Wir haben überlegt, ob wir die Polizei anrufen und sagen, ja, da ist irgendwo in Marzahn, an irgendeinem Hochhaus, wo ein Baugerüst außen dran ist, da will sich jemand aufhängen, irgendwo … Dass es seine Entscheidung war, das kann ich heute so sehen. Damals war es ganz schön schlimm. Und es ist eine Geschichte, die ich nie vergessen werde. Ich weiß nicht, ob ich jetzt seltener Leute frage, ob sie mir ihre Geschichte erzählen wollen oder ob sie sich bei mir ausweinen wollen oder so … Später hab ich dann in der Zeitung geguckt, ob es Anzeigen gab von einem Selbstmord. Nichts gefunden … Und so ist die Geschichte irgendwie noch da. Und fühlt sich immer noch sehr merkwürdig an, wo’s so viele Jahre her ist.


Vor einigen Jahren, gerade erwachsen

Vor einigen Jahren, im Sommer, gerade erwachsen, die wilden Jahre, lag ich auf meinem Bett, wollte mich ausruhen, da überkam mich ein Pulsieren durch den ganzen Körper, spürte ich ein Zittern. Mich überkam Angst, ich wusste nicht, was geschah. Etwas zog mich aus mir heraus. Es war ein Moment, den ich schwer beschreiben kann. Mein kompletter Körper zitterte, und Angstschweiß war auf meiner Stirn. Ich war nicht wirklich anwesend, ich war, ich war nicht wirklich da, ich war außer mir. Irgendwas trennte mich von mir, wollte mich trennen von mir. Ich betrachtete mich von oben herab, aus der Ecke des Zimmers ich mich, wie ich dalag. Ich sah mich, und, ähm, es war, ähm, eine… Ich sah mich und es war… Und ich zitterte am ganzen Körper. Ich entfernte mich von mir. Ich wurde vor die Wahl, ich wurde vor die Wahl gestellt, oder, ähm, besser gesagt, ähm, mein kurzes Leben bisher lief in mir, in meinem inneren Auge ab. Ich sah die Jugend, meine Kindheit, ich sah die schönen Momente meines Lebens an mir vorbeilaufen, wie ein kleiner Kurzfilm. Und ich entfernte mich weiter, und, ähm, der Kurzfilm lief ab und die Angst war immer noch da. Und dann war der Moment der Stille, wo Raum und Zeit keine Rolle mehr spielen, raumzeitlos. In diesem Moment, ähm, raumzeitlos. In diesem Moment sah ich die, die, die, die Schönheit, die, die f, die ff, die fff, und die andere Seite dieser Welt, nicht im menschlichen, materiellen Körper zu sein, sondern als Geist, oder wie man es hier so nennt als Geist zu leben, indem, sich vom Körper zu trennen und in die andere Welt überzugehen. Und, ähm, ich fühlte mich gut, ich fühlte die Freiheit, ich fühlte mich frei, ich fühlte, ich fühlte die Grenzenlosigkeit, ich konnte überall sein, es existierten keine Wände, keine materiellen Güter, es war einfach grenzenlos, frei und schön. Und ich nahm dies wahr und war erfüllt von Glücklichkeit. Gleichzeitig, ich wohnte damals noch zuhause, sah ich was, was, was passiert ist. Meine Mutter versuchte mich über das Haustelefon zu erreichen, sie kam nach oben und sah mich, wie ich, in ihren Augen tot, dalag. Ich sah die Trauer meiner Familie, ich erlebte meine Beerdigung, und ich wurde vor die Frage gestellt: Willst du, willst du deinen Körper verlassen und als Geist, oder als körperlos, weiter existieren? Oder möchtest du zurück in deinen Körper? Und diese Frage beantwortete ich mit: Ja, ich möchte zurück in meinen Körper. Und mich durchfuhr ein, eine, am ganzen Körper zitterte ich, mein Magen verkrampfte sich, es war wie ein Ziehen durch den ganzen, ein-ein Wiederbeleben des Körpers, mein Herz fing wieder an zu schlagen. Ich spürte mich, wie ich mich noch nie gespürt hatte, und ich kam zurück in meinen Körper. Und ich entschied mich fürs Leben, für das Jetzt und das Hier. Und die ganzen Fragen, die ich mir vorher gestellt hatte, waren zunichte. Die Antwort war: Das Leben, das Jetzt und das Hier. Liebe das Leben, und lebe die Liebe. Das ist die Antwort.


Es war an einem wilden Oktobertag

Also, es war an einem wilden Oktobertag. Ich glaube es war das Jahr 1991, also kurz nach der Wende. Wir fuhren zu viert, inklusive mir und meinem gerade geborenen kleinen Baby, mal raus ins Grüne, um das Umland zu entdecken, wie man das damals so machte, und vielleicht wie alle anderen auch zu schauen, ob es nicht irgendwo einen dritten Ort, also ein Haus auf dem Land gibt. Und dann landeten wir am Wandlitzsee. Es war ein wunderschöner Tag, so ein Frühherbsttag, und ich weiß nicht genau warum, ich bin sonst nicht son Wassermensch, aber irgendwie hatte ich Lust, in den Wandlitzsee zu springen. Aber natürlich hatte ich keine Badebekleidung dabei, aber das war ja auch nich so wichtig, es war sowieso relativ wenig los an diesem See. Also hab ich mich kurzerhand nackig gemacht und bin in den See gegangen, wie gesagt ich bin nicht son Wassermensch, ich brauch da n bisschen länger. Aber irgendwann war ich drin und ich begann auch zu schwimmen. Und ich war so ungefähr, also für mich gefühlt zumindest, in der Mitte des Sees, als plötzlich um mich herum große, dicke Wasserblasen an die Oberfläche kamen. Wirklich große Wasserblasen, also sagen wir mal so groß wie Tennisbälle und größer. Und ehrlich gesagt, ich befand mich in einem see in Brandenburg, ich konnte dieses Phänomen überhaupt gar nicht einordnen. Ich meine, wenn man so alleine im See schwimmt, ist es sowieso ein Gefühl von: Möglicherweise kann alles Mögliche gleich passieren, aber diese runden, dicken, fetten Wasserblasen, die auch nicht aufhörten an die Oberfläche zu kommen, die haben mich langsam aber stetig in die schlimmste Panik meines bisherigen Lebens gebracht. Ich hatte wirklich, und das war das erste Mal in meinem Leben, Todesangst. Am Ufer stand mein Partner mit unserem frischgeborenen Baby und zwei guten Freunden, und ich hab irgendwie gewunken, gerufen, geschrien, und die haben auch zurückgewunken, und die ham mir nette Dinge zugerufen, aber die ham überhaupt nicht realisiert, dass ich wirklich Panik bekommen hab. Und das, also ich, und dann auch so alleine in diesem Wasser, und man sieht den Grund nicht und nur die Blasen kommen immer mehr und immer stärker. Ich bin wirklich panisch zurück ans Ufer geschwommen, bin am Ufer angekommen und hab gesagt: Habt ihr denn gar nichts und überhaupt nichts gemerkt? Und die: Wieso, was ist denn, war doch alles gut, und. Also, zumindest fünf Minuten später watschelten drei Froschmänner ans Ufer. Im Wandlitzsee kann man tauchen lernen. Da muss man wirklich erstmal drauf kommen. Die ham auch ein wenig süffisante Bemerkungen gemacht, weil die natürlich von unten die volle Einsicht hatten, auf mich und in mich. Also es war nicht nur ein, ein eine lebensbedrohendes Erlebnis oder ein, eine Todeserfahrung für mich, sondern es war bisschen peinlich. Aber ehrlich gesagt, das verschwand vor dem Hintergrund, dass ich lebend ans Ufer gekommen bin.


Wupp war ich weg

Ich bin mal nach München getrampt von Berlin. Und da hat mich dann son Bus mitgenommen, son VW-Bus oder irgendsowas, und da waren zwei Typen drin. Und der eine sah bisschen fies aus, aber der andere sah eigentlich sehr nett aus, und dann dachte ich: Naja, wenn da ein Netter dabei ist, dann wird das wohl schon hinhauen. Und dann sind wir losgefahren, und dann wurde das ganz, ganz merkwürdig. Die ham ich glaub ziemlich viel gekifft, und irgendwann fing der Fiese, der war auf dem Beifahrersitz, das war der Chef vom Anderen, die waren Bauarbeiter, die fuhren von Irgendwo nach Irgendwo, fing der Fiese an zum Fahrer zu sagen, in Richtung auf mich: Und was machmer? Wollmern abknallen? Und der hatte auch ne Knarre. Wir fuhren auf der Autobahn, und ab und zu, der hat immer zu Guns’n’Roses mitgesungen, und ab und zu hat er so ausm Fenster geschossen. Ja, so eher in die Luft oder eher inn Wald, also nicht aufn Auto oder so. Aber er hat einfach geschossen. Und ich weiß nicht, obs ne Schreckschusspistole war oder nicht, aber er hat halt geschossen. Und dann gings drum wo sie mich rauslassen, da sagt er: Ja, nee, auf ner Raststätte halten se jetzt nich mehr. Sie fahren da son Stück durch den Wald, also von der Autobahn ab, und dann irgendwo da, da könnt ich dann… Und da klingelte es dann bei mir und ich dachte: Ok, Wald, da wolln se mich dann liquidieren, mir vielleicht die Gedärme rausreißen. Ähm, und irgendwie musste der eine dann aber nochmal aufs Klo, hielt mer doch an ner Raststätte, und wupp war ich weg. Hab ich überlebt.


Meine Geschichte ist ein bisschen eklig

Also, meine Geschichte, die ich erzählen will, ist ein bisschen eklig, aber ich erzähl die trotzdem. Früher hatten meine Freundin und ich einen Hund, bevor wir Kinder hatten und wir hatten den auch noch, als wir ganz neue Kinder hatten und dann bin ich mit meiner Freundin zusammen im Winter mit dem Kinderwagen und dem Hund durch die Stadt gelaufen. Und was an Hunden ja nicht so schön ist, ist, dass sie Aasfresser sind und das heißt, Hundekot, der auf der Straße liegt, fressen sie immer mit Vorliebe. Das ist natürlich nicht so schön und eklig und deshalb verbieten wir das immer. Aber da waren wir etwas überfordert und konnten es nicht verhindern, dass der Hund dann ein Kotdrop, ein gefrorenes sozusagen, gefunden und gegessen hat. Konnten wir nichts machen, haben auch nichts weiter gemacht. Wenig später sind wir dann auf alle Fälle dann, um uns aufzuwärmen, mit dem Hund in ein sehr schönes, ganz neues Café in der Karl-Marx-Straße gegangen. Das war so ein ganz weißes, designmäßig eingerichtetes Café, wo auch, weil ja Winter war und kalt draußen, viele Leute waren. Der Hund lag schon unter unserem Tisch und irgendwann …. ist ihm anscheinend das Eis, das er auf der Straße zu sich genommen hat, nicht so gut bekommen und er musste sich fürchterlich übergeben. Also auf Deutsch gesagt, er hat das ganze Café vollgekotzt. Was daran super war, war dass das dann tatsächlich geräumt und evakuiert werden musste von allen Leuten und wir mussten beim Putzen und Desinfizieren helfen. Und ich kann nur sagen, das war wirklich äußerst unangenehm, eine eklige Geschichte, aber so ist das mit Hunden. Jetzt haben wir nur noch Kinder.


Als ich noch  Student war

Als ich noch Student war, hab ich regelmäßig zum Geldverdienen in Kassel gearbeitet, in der Produktion bei VW. Und bin deshalb meistens mit einer Freundin von mir, die auch in Kassel gewohnt hat bzw. daher kam, zurückgefahren. Nun hatte sie sich allerdings irgendwann neu verliebt und verschob deshalb immer den Abfahrtstermin und hat gesagt, nein, wir können doch noch morgen früh fahren oder lieber noch morgen abend, ich muss noch ein bisschen bei meinem Freund bleiben und … irgendwann war mir das zuviel und dann bin ich sonntags abends alleine los und wollte von Berlin, das ging ja noch ganz gut, nach Kassel trampen. Bin also zum Wannsee runter, also an die AVUS und wurde auch in der Tat gleich mitgenommen von zwei sehr lustigen Typen. Russen, Bulgaren, ich weiß es nicht mehr genau, irgendwas Osteuropäisches. Und die haben wie gesagt sofort angehalten, waren supernett und irgendwann nachdem wir vielleicht so zehn Minuten, Viertelstunde unterwegs waren, also ich hatte auch gleich ein Bier in die Hand gedrückt bekommen, was ich eigentlich ganz gern angenommen hab, nach zehn Minuten oder so hab ich gemerkt, dass die beiden auch die ganze Zeit Bier getrunken haben und dass die TOTAAAL breit waren. Dachte ich mir, na super, sitze ich schon in der Falle. Dann haben die auch noch erzählt, jooo, wir haben unsere Freunde hier in Berlin, wir arbeiten auch in Kassel, auch in der Produktion, bei irgendwelchen anderen Werken, weiß ich nicht mehr genau und jedenfalls wir haben jetzt drei Tage in Berlin durchgefeiert. Und genauso sahen sie bei genauerer Betrachtung dann auch aus. Und ich hatte mir dann gedacht, jetzt hat mein letztes Stündlein geschlagen, aber na ja, wie das so ist, denkt man sich, Augen zu und durch, was soll passieren. Und man merkt, ich erzähl euch die Geschichte ja, hab ich es auch überlebt. Das Beste war allerdings dann noch, kurz bevor wir in Kassel angekommen sind, haben wir an einem Rasthof gehalten. Und ich dachte, jetzt trinken die, wenn sie gleich auf Arbeit müssen, noch einen Kaffee, um runterzukommen, – was ich gemacht hab. Aber die haben sich noch schön zu zweit nen Sechserträger reingezogen und einfach noch mal nachgelegt, damit das noch für den restlichen Tag reicht. So war das, das war meine Geschichte.


Krisenintervention

Hallo, ich bin Projektleiterin bei einem großen Konzern und neulich ist was Lustiges passiert. Wir hatten eine Krisensitzung mit relativ vielen Leuten, die ein Problem lösen mussten. Es hat sehr lange gedauert, alle saßen in einem großen Konferenzraum um einen Tisch und es ging nicht vor und zurück. Es wurde warm, es war ungemütlich und unbequem und ich hab so einen Tick, so einen kleinen, ich muss immer, wenn ich nervös werde, krabble ich überall dran rum. Zum Beispiel an den Tischen und immer, wenn ich irgendwo ein Loch finde, stecke ich meinen Finger rein und muss immer fühlen, was da ist. Und das Witzige in dem Fall war, was ich gar nicht so witzig fand, da war ein Loch in der Tischplatte von unten und ich hab meinen Finger reingesteckt und dann gemerkt, scheiße, ich krieg den gar nicht mehr raus. Das heißt, ich hing da fest unterhalb der Tischplatte. Oberhalb der Tischplatte wurden die Probleme gewälzt und unterhalb der Tischplatte im Loch steckte mein Finger. Ich hab dann erst natürlich versucht, den da raus zu ziehen, mich gewunden. Und irgendwann dachte ich, das muss jetzt ja merkwürdig aussehen langsam. ich hab ihn einfach nicht rausgekriegt. Ich wurde dabei natürlich auch immer panischer und hab irgendwann gesagt, Entschuldigung, ich krieg hier meinen Finger nicht mehr raus. Riesengelächter. Und irgendwann hat natürlich jeder versucht, an meinem Finger mal zu ziehen und mit roher Gewalt und großen Schmerzen und allem roten Finger gings dann auch am Ende, dass er draußen war. Das Lustige aber war, nachdem das passiert war, waren alle so gelöst irgendwie. dann haben wir alle ganz schnell eine Lösung für unser Problem gefunden und die Sitzung war relativ schnell vorbei.


Das macht mich immer noch etwas traurig

Die Geschichte, die ich erzählen möchte, ist mir wichtig und macht mich auch immer noch etwas traurig. Meine Tante hat ein Kind geboren, ich war selbst noch ein Kind, vielleicht zehn oder elf. Es war einen Tag alt und meine gesamte Familie ist es besuchen gegangen, aber ich wollte nicht, ich weiß auch nicht mehr, aus welchen Gründen. Auf jeden Fall ist das Kind am dritten Tag verstorben und ich konnte es so nie kennenlernen. Und manchmal hab ich das Gefühl, dass es mich verfolgt und dass es traurig ist, dass wir uns nie begegnen konnten in seinem kurzen Leben und dass ich, obwohl ich auch Kind war und weiß, dass mich keine Schuld trifft, dass es mich doch bedrückt, dass ich damals nicht mitgekommen bin, um den kleinen Menschen kennenzulernen, der so ein kurzes Leben hatte. Und manchmal denk ich noch an ihn und was für wundervolle Geschwister er mittlerweile hat und seitdem verschiebe ich solche Dinge nicht mehr, weil ich immer an ihn denken muss.


Eine merkwürdige Geschichte meiner Kindheit

Eine merkwürdige Geschichte meiner Kindheit war es, als ich als 13-jähriger Junge eine Videoaufnahme von mir selbst angeschaut habe. Ich war auf der Aufnahme im Video etwa zwei Jahre alt und das Gefühl für mich, mich zu sehen, zu wissen, dass das ich bin, das hat mir die Tränen in die Augen getrieben.


Was ich mir bis heute nicht erklären kann

Hallo, ich wollte eine Geschichte von der Kindheit erzählen, die ich mir bis heute nicht erklären kann. Und zwar in meiner Nachbarschaft, wo ich früher gewohnt hab, in Berlin im Süden mit Gärten und Häusern bin ich mal im Herbst durch die Gegend gestreift und hab Kastanien gesammelt und hab dabei auch aus Gärten versucht, Kastanien mitzunehmen, um daraus Männchen zu basteln. Und ein Garten, paar Straßen weiter hatte einen großen Kastanienbaum und ich weiß noch genau, dass ich versucht hab, mit meinem Regenschirm durch die Löcher des Zauns Kastanien herzuholen, um sie mitzunehmen und dass auf einmal der Schirm aufgegangen ist, während ich ihn durch den Zaun gesteckt hatte und ich ihn natürlich nicht mehr rausbekommen hab. Und die Frau, die dort gewohnt hat, hat mir dann geholfen, das war natürlich ein einschneidendes Erlebnis, an das ich mich noch erinnern konnte, weil es ja was Besonderes war. Und später, als ich in der Jugend wieder an diesem Garten vorbei gegangen bin, hab ich gemerkt, dass an der gleichen Stelle eine große Birke stand und kein Kastanienbaum und es ist gar nicht möglich, dass in dieser Zeit, von der Kindheit bis zur Jugend ein großer Baum gewachsen ist und der andere Baum nicht mehr da war. Und das kann ich mir bis heute nicht erklären.


Der Hund, der das Café vollgekotzt hat

Also die Geschichte mit dem Hund, der … ja … Kot gefressen und das Café vollgekotzt hat, ja da hab ich auch eine ähnliche Hundegeschichte oder auch’ne Hundegeschichte. Und zwar war ich mal in Marokko, wollte nach Marokko, bin vor vielen vielen Jahren mit Freundin, Auto und einem Hund in Algeciras aufs Schiff gestiegen, rübergefahren und hab dort erfahren, dass man’n Visum braucht. Mussten also zurück wieder übers Meer nach Spanien, um das Visum abzuholen. Der Einfachheit halber haben wir den Hund dagelassen, im Auto, da drüben, weil die Fähre ging zurück, Visum holen, wieder rüberfahrn, aber dann hat sich rausgestellt, dass plötzlich die Wellen angeblich zu hoch waren, die Fähre nicht mehr gefahren ist, und wir saßen aufm Festland fest, drei Tage lang – und der kleine Hund drüben im Auto eingesperrt. Und dann ham wir Leute ausfindig gemacht, die mit nem Schraubenzieher das Fenster geöffnet haben, den Hund gefüttert, und nach drei Tagen ging die Fähre wieder, wir sind rübergefahren und haben den Hund befreit. Und der kleine, viermonatige irische Setter hat sich derartig gefreut, dass er fast ins Wasser gefallen wäre. Ich hab noch nie ein Lebewesen gesehen, was sich so gefreut hat. Und hinterher haben wir rausgekriegt, dass er sich großartig organisiert hatte, nämlich er hat in dem Auto vorne was zu fressen gekriegt, rausgelassen ham ihn die Leute nicht, also hat er den hinteren Teil im Auto zum Scheißplatz erkoren, und wir mussten dann alles entsorgen, rausschmeißen und eine Woche lang mit offenem Fenster rumfahren. Aber alles war okay. Hah.


Die falsche Hand

Also, ich war vor ungefähr zwei Jahren in der Zitadelle Spandau und habe Iggy and the Stooges zusammen mit Charly gesehen. Als wir nach dem Konzert nach Hause gehen wollten, war es sehr sehr voll und wir sind mit ganz vielen Menschen durch diese engen Ausgänge nach draußen gegangen. Es war schon ein bisschen dunkel und ich konnte gar nicht mehr so richtig sehen, wo Charly läuft. Wir haben uns aber unterhalten und da waren noch viele andere junge um uns herum. Und ich wollte dann irgendwann seine Hand halten, einfach, damit wir uns nicht verlieren. Dann hab ich nach einer Hand gegriffen und hatte dann auch eine Hand und auf einmal jemanden neben mir, ihhhh. Und dann hab ich gesehen, dass es gar nicht die Hand von Charly war, sondern von einem ganz anderen, fremden jungen Mann, der meine Hand abgeschüttelt hat und sich an der Hose abgewischt hat und es offenbar ganz eklig fand, dass er meine Hand gegriffen hat. Und mir war das wahnsinnig peinlich, dass ich einfach die Hand von einem fremden Mann gegriffen habe.


Der uncoole Erich

Ich war mit vierzehn auf einer Sprachreise in England und war da bei meiner Gastfamilie mit einem anderen Jungen zusammen, der hieß Erich. Erich war ziemlich uncool, der hatte so komische Pullunder an und Pickel und meine Kumpels und ich haben uns immer ein bisschen lustig gemacht. Irgendwann hab ich festgestellt, dass Erich Tagebuch führte. Ich hab sein Tagebuch gelesen und da hat er unter anderem geschrieben, wie sehr er darunter leidet, dass wir seinen England-Aufenthalt kaputt machen. Er hat außerdem notiert, wie jeweils sein Stuhlgang gewesen ist am jeweiligen Tag. Mir tat es ein bisschen leid, ich hab es aber dennoch meinem Kumpel Sven erzählt und der hat dann bei der nächstbesten Gelegenheit vor Erich das rausposaunt, wie sein Stuhlgang wohl gewesen ist und das war mir extrem peinlich, weil dann kam heraus, dass ich in seinem Tagebuch geschmökert hatte und letztlich muss ich sehen, wir haben den damals gemobbt, den armen Jungen, wir haben ihm seine Sprachreise verleidet. Und ich merke, das zwiebelt mich bis heute. Entschuldigung, Erich.


Beichten müssen

Ich bin in einer katholischen Enklave in Norddeutschland aufgewachsen und kam mit sieben Jahren zur Heiligen Erstkommunion. Mit der Erstkommunion erhielt man auch das Sakrament der Beichte. Wir mussten dahin, die Großeltern wollten das, sonst war man gesellschaftlich nicht anerkannt. Ich musste mir also überlegen, was ich beichten soll. Mir war nicht klar, was ich gemacht haben soll, für was trage ich Schuld? Ich war doch erst sieben Jahre alt. Die Beichtstühle in unserer Kirche waren schwarze Schränke mit drei Türen. In der Mitte saß der Pastor und die Beichtenden stellten sich von rechts oder links an. Man ging rein und setzte sich auf den kleinen Holzsitz. Es war dunkel und man sprach ganz leise. Den Pastor sah man durch das kleine dichtmaschige Gitter, aber nur seine Silhouette war erkennbar. Der Pastor nahm die Beichte ab. Ich beichtete, ich hätte meine Eltern angelogen. Zur Buße musste ich ein Vaterunser beten. Beim nächsten Mal beichtete ich, ich hätte meiner Mutter 50 Pfennig aus dem Portemonnaie genommen. Ich musste zwei Bußgebete sprechen. Eine Woche später beichtete ich, ich habe meinen kleinen Bruder geärgert. Zu dem nächsten Beichttermin fiel mir nichts Neues mehr ein. Ich wiederholte alles, was ich vorher schon gebeichtet hatte. Ungehorsam, Geld entwendet, kleinen Bruder geärgert. Mehr fiel mir einfach nicht ein. So beratschlagte ich mich mit meiner Cousine und mit meinem älteren Bruder, was man noch so beichten könnte. Wir kamen auf die Idee, Streiche zu machen. Dann haben wir ordentlich was zu beichten und sind frei von jeder Schuld. Mein Bruder lief sofort los, holte einen Benzinkanister aus der Garage, goß das Benzin in eine Pfütze und zündete sie an. Es gab eine riesengroße Flamme. Das Benzin brannte lichterloh ab. Nichts weiter passierte und wir waren uns auch dessen nicht bewusst, was wir Schlimmes getan haben. Denn am Samstag gingen wir zur Beichte, sprachen ein paar Bußgebete und die Sünden waren vergeben. Als nächstes verdrahteten wir den Heckenweg mit dünnen Nylonfäden, damit die Fußgänger nicht durchgehen konnten. Ganz unerwartet kam ein Mofafahrer. Er blieb in den durchsichtigen Schnüren hängen, strangulierte sich fast und wurde vom Mofa gerissen. Da gab es große Aufruhr in der Nachbarschaft. Wir blieben unerkannt und wie immer waren wir uns keiner Schuld bewusst, denn am Samstag gingen wir zur Beichte. Ich beichtete dem Pastor unsere Taten. Er gab mir die Bußgebete auf und vergab mir die Sünden. Zum Abschluss sagte er, Silke, wie geht es eigentlich deinem Vater, ist der wieder gesund? Ich glaubte es kaum, er hatte die ganze Zeit gewusst, wer ich war. Ich habe doch dem Beichtgeheimnis vertraut, ich fühlte mich ertappt und verließ wortlos den Beichtstuhl, rannte nach Hause und erzählte alles meinen Eltern. Die waren glücklicherweise sehr verständnisvoll und sahen ein, dass wir Kinder durch die Beichte fast kriminell wurden. Seitdem ging ich nie wieder zur Beichte.


Die süße Helena

Meine Geschichte, die sehr peinlich ist, geht darum, dass ich mit meiner Tochter Helena, als sie noch sehr klein war, in der Stadt spazieren war und wir hatten so eine Bauchbinde für unsere beiden Zwillinge und eine davon hatte ich und da saß die Tochter Helena drin, mit dem Gesicht nach vorne. Sie war anderthalb Jahre alt ungefähr – und ein bisschen erkältet, muss man sagen. Und wir sind dann durch die Stadt gelaufen, wir sind beide gemeinsam einkaufen gegangen und wann immer wir Leuten begegnet sind, haben sie mich freundlich angelächelt, weil das ja so niedlich war, die kleine Maus und ich unterwegs. Und irgendwann hat sich das gedreht und die Menschen haben auf einmal angefangen, komisch oder sogar angewidert mich anzuschauen. Und ich hab es echt nicht verstanden, bis ich dann vor dem Schaufenster stehen geblieben bin und hab mal gekuckt, wie wir denn so gemeinsam aussehen. Wir sahen gar nicht mehr niedlich aus, weil Helena hatte, weil sie ja erkältet war, einen ganz riesigen Rotzballon direkt unter der Nase über den ganzen Mund und sah sehr sehr verschmoddert aus. Und dann hab ich das abgemacht und dann haben die Leute wieder gelächelt. Aber es war schon ein unangenehmer Moment.


Das Gruppenfoto

Meine Geschichte handelt, neee, meine Geschichte ist im Kindergarten passiert. Nee auch nicht, in der Grundschule, in der 2. Klasse. Wir haben diese Gruppenfotos gemacht und ich weiß nicht, was mich geritten hat, auf jeden Fall dachte ich mir irgendwie, ich könnte den Stinkefinger zeigen auf dem Gruppenfoto. Und ich hab auch ganz ganz fies gegrinst irgendwie. Das war gar nicht böse gemeint, gar nicht irgendwie … Das arme Mädchen, was vor mir saß, hat zwei Stinkefinger im Nacken gehabt. Mir war es auch nicht bewusst, dass es auf dem Foto drauf ist, aber natürlich war es am Ende auf dem Foto drauf. Und ich bin von meiner Hortleiterin damals extra hergeordert worden und gefragt worden, was ich mir dabei gedacht hab. Und ich hab mir eigentlich nichts dabei gedacht, ich dachte nur, es wäre cool, den Stinkefinger zu zeigen. Das beschäftigt mich immer noch und irgendwie kann ich es nicht… gar nicht vergesssen. Ich hab mich auch bei dem Mädchen entschuldigt und irgendwie möchte ich mich immer noch dafür entschuldigen. Das ist immer noch eins der Bilder, oh Gott oh Gott, wenn ich so die ganzen Fotos durchgehe. …. Ich weiß nicht, was meine Eltern dazu gesagt haben, sie haben es jedenfalls nie angesprochen. Ich hab es natürlich versucht zu verstecken, aber natürlich haben sie auch eins gekauft. Da zeigt ihr Sohn einfach zwei Stinkefinger, also gleich einen doppelten Stinkefinger auf jeden Fall, weil einer reicht nicht.


Billige Erbeeren

A: Also, das war heute gegen Mittag und es war unglaublich warm.
B: Wir waren auf dem Markt und wollten eigentlich nur Erdbeeren, was an sich nicht zuviel verlangt ist. Wir waren aber bisschen spät auf dem Markt, deswegen waren die meisten Stände schon abgebaut.
A: Dann sind wir so ein bisschen rumgelaufen und hatten irgendwann endlich einen Stand gefunden, der noch Erdbeeren verkauft hat. Und der Verkäufer hat dann gleich angefangen zu erzählen, dass er sie uns besonders billig verkaufen möchte und hat auch schon angefangen, die Sachen reinzustecken.
B: Zwei Schalen für 3 Euro usw. Wir haben die aber noch begutachtet und festgestellt, dass da aber einige bisschen matschig aussehende Erdbeeren bei sind und hätten uns gerne dieses Schälchen selber ausgesucht.
A: Das haben wir dann gesagt, wir haben gefragt, ob wir nicht die eine noch austauschen können, weil da ein paar matschige dabei waren. Da ist der alte Typ total ausgeflippt….. haha …. hat uns vollgenölt
B: Er hat so… Das gibt’s nicht, Frollein. Matschig, hier kurz vor Ladenschluss oder so. ….
A: und dann mach ich es euch schon so günstig, zwei für 3 Euro, normalerweise kostet eine 2,95.
B: Er hat uns richtig angekackt, er hat die Erdbeeren wieder ausgepackt und ist dann weggelaufen, ein Stückchen weiter in den Stand hinein und wir standen da völlig perplex… (lacht) Uns haben echt die Worte gefehlt.
A: Und als er dann so am anderen Ende des Standes war, brüllt er uns immer noch voll: Nein, ihr könnt jetzt gehen! Es gibt keine Erdbeeren mehr für euch!
B: Ja, das Happy End ist, wir haben an einem anderen Stand Erdbeeren gekauft, von einem sehr netten Verkäufer, der uns selbst hat auswählen lassen, welche wir denn gerne hätten. Und die waren genauso teuer.
A: Und lecker.
(beide lachen)


Electrocuting

In meinem Elternhaus hatte sich mein Vater im Keller einen Bastelraum eingerichtet. Einerseits, um seinen Hobbys zu frönen, andererseits, um der Hausarbeit und weiteren Aktivitäten meiner Mutter aus dem Wege zu gehen. Dort hing auch ein Geldspielautomat, den er irgendwo aufgetrieben hatte. Dieser faszinierte mich, weil diese Drehscheiben eine hypnotische… äh… Wirkung auf mich ausübten. Da ich kein Geld hatte, war ich darauf angewiesen, das Geld, was man dort reinwarf, immer gleich wieder heraus zu holen. Das Problem war, das Ganze stand unter Strom. Als ich also mit einem Freund an diesem Geldautomaten herumhantierte, erwischte es mich dann irgendwann: als ich den Automaten aufmachte, um wieder das Geld herauszuholen, kam ich an irgendwelche Kontakte und ich stand komplett unter Strom. Ich dachte, meine letzte Stunde hätte geschlagen. Mir war das peinlich, mein Freund kuckte mich völlig perplex an, als ich da vor mir hinzappelte, aber irgendwie kam ich von dem Gerät wieder los. … (Pause) … Ich sah meinen Freund an, er möchte mich jetzt bitte berühren, weil ich stehe jetzt bestimmt unter Strom… Aber er traute sich nicht und ich fasste alle möglichen anderen Gegenstände an und irgendwann … (lacht) sollte er mich auch noch mal anfassen, aber er traute sich immer noch nicht. Wir gingen dann also so raus, verließen den Keller und fingen an, mit dem Ball zu spielen oder was weiß ich. Ja, wir spielten Fußball. Und irgendwann hatte ich ein Tor geschossen, er kam mir entgegen (lacht), reichte mir die Hand, um mir zu gratulieren und kriegte voll einen gewischt. Jetzt wahrscheinlich nicht mehr von dem Automaten, aber von der statischen Aufladung, die sich irgendwo gesammelt hatte.


Kein großes Nein

Als ich im Kindergarten war, bin ich immer alleine … ähm … dahin gefahren, von zu Hause aus. Meine Eltern hatten mir das beigebracht, und es waren immer vier Stationen mit dem Bus, die ich gefahren bin, und wenn ich dann am Kindergarten angekommen bin, hab ich meine Eltern angerufen und bescheid gesagt, dass ich gut angekommen bin … und … das ham die mir ganz gut beigebracht. Weil die beide berufstätig waren, musste das so gehen … und eines Tages bin ich mit dem Bus gefahren, und dann saß mir, ich war noch ganz klein, saß mir ein Mann gegenüber, der versuchte mit mir ins Gespräch zu kommen. Und ich hatte von meinen Eltern ganz früh schon ein Buch geschenkt bekommen, das hieß „Das kleine und das große Nein“, wo man nein-sagen gelernt hat, und ich wusste eigentlich, ich müsste jetzt das große Nein sagen, konnte aber das nicht machen, irgendwie. Und dann hat der mir fünf Eu – fünf D-Mark warn das damals – zugesteckt und hat gesagt, ja, dann kannst du dir mal was Schönes davon kaufen und so … Keiner aus dem Bus, obwohl alle das mitbekommen haben, hat irgendwas gemacht oder gesagt oder ist eingeschritten, und dann ging das immer weiter, und ich wusste schon, dass das jetzt irgendwie komisch ist. Zum Schluss wollte er mir Süßigkeiten geben und meinte, er hätte noch ganz viel Süßigkeiten zu Hause. Und dann hab ich gewartet, an der Station, wo ich rausmusste, und bin im letzten Moment rausgesprungen. Und ähh, dann hatt’ ich diese fünf D-Mark in der Hand, und dann hab ich mich so doll geschämt, dass ich das meinen Eltern bis heute nicht erzählt hab, und jetzt bin ich schon erwachsen, und dann hab ich die fünf D-Mark im Kindergarten in einem Baumstumpf versteckt … und … genau. Das ist immer noch eine Geschichte, die mir immer noch die Schamesröte ins Gesicht bringt, obwohl ich als Kind ja gar nichts dafür durfte, aber äh, alles, was mit nein-sagen zu tun hatte, war mir immer peinlich als Kind.


Mensch mit Zahl eins

Ich wachte auf und neben mir kotzte eine Frau ins Zimmer. Wo war ich, im Krankenhaus. Wir waren anscheinend beide frisch operiert, sie doppelt so alt wie ich. Und sie kotzte, sie kotzte viel und ich fragte mich, wo bin ich. Wir wachten aus der Narkose auf, und sie sagte zu mir: Du, sicher, sicher sein Zahl mit eins. Mensch mit Zahl hat eins, ich dachte, bin ich wach, ist sie wach, wo bin ich. Sie sagte weiter, wie heißt Du, sage mir deinen Namen und sage mir dein Geburtsdatum. Ich dachte, was will die, alte Frau, die aussah wie eine Hexe, und hatte einen Umhang um mit rosa Blümchen. Dann kam sie irgendwie auf mein Bett, ich konnte nicht weg, hing am Tropf und sie schrieb in einen Kalender, übrigens wurde die Kotze von der Schwester nebenbei weg gewischt. Und sagte, sag mir dein Geburtsdatum. Ich sagte, naja, geht das auch ohne Geburtsjahr? Ja. Dann schrieb sie mein Geburtsdatum auf, meinen Namen, ich dachte, ich bin ja nicht blöd, Alter, ich sagte nicht meinen Namen und mein Geburtsdatum, ich kenn mich nicht. Also Vorname genügte, und Geburtsdatum irgendwie ja auch. Und dann, hat sie gesagt, ja, Du sein Mensch mit Zahl eins. Ich haben gewusst, Menschen, die haben Zahl eins, Menschen, die immer vorne sind. Immer in Gruppen vorne. Menschen stehen immer auf, haben Schicksal, aber stehen immer auf. Ich dachte, hahaha, kann stimmen, passt. Dann fragte sie, sage mir Datum von Mutter, Mutter bestimmt Zahl mit, äh, Zahl mit Vier oder Fünf. Sie sagte, Frau, ein bisschen verrückt. Ich dachte, ja, passt zu meiner Mutter, paranoide Schizophrenie. Dann sagte ich ihr das Geburtsdatum, den Vornamen, sie schrieb in ihren schwarzen Softcover Jahres-Kalender in einer Handschrift, wie es die Russen ganz akkurat geübt haben, sehr geschwungen, und rechnete. Ich dachte nach wie vor, wo bin ich, ich kam nicht weg, sie saß immer noch an meinem Bett. Ich hing am Tropf und dachte, geh wieder rüber. Aber sie ging nicht rüber, sie rechnete und sagte danach, Mutter hat Zahl Nummer Vier. Menschen, die haben Zahl Nummer Vier, sehr logische Menschen. Aber auch krank im Kopf. Ich dachte, die Alte spinnt. Sie hats gelesen, sie wusste irgendwas über mich und ich, ich dachte immer noch, ich bin im Traum. Dann hat sie weiter geschrieben und weiter geblättert und hat gesagt, weißt Du, welche Zahl haben Indira Gandhi, Indira Gandhi sehr besondere Frau. Ich dachte, Oh Gott, Indira Gandhi, sie zeigte mir auch eine Seite von Stalin, Stalin hat 2 Geburtsdaten, wusstest Du? Ich wusste das nicht. Indira Gandhi hat die Zahl 11. 11 sehr besonders, 11 sehr selten. Ich dachte immer noch, Oh Gott, ich kann nicht mehr, ich bin kurz vor dem Tod. Todestraum. Dann ist die Frau, öh, wieder in ihr Bett, die Schwester war fertig, die Kotze wegzuwischen. Ich bin eingeschlafen. Am nächsten Tag bekam ich Besuch und sagte zu dem Besuch, Du musst was für mich nachgucken, guck irgendwas nach im Internet zu Hause, mit Nummerologie, ich raste aus, das kann nicht stimmen, die Frau ist verrückt. Mein Besuch guckte also, wie von mir aufgetragen, zu Hause nach, kam wieder. Sagte, ja, man kann das sogar ausrechnen im Internet, persönliche Zahlen, und meinte dann, stimmte das tatsächlich überein. Ich war die Nummer eins, und offenbar passte das gut zusammen. Bei meiner Entlassung sagte diese alte grauhaarige Frau: Wir müssen uns nicht verabschieden für lang, wir werden uns wieder sehen, ich bin mir sicher. Mach es gut im Leben und sei weiterhin so offen. Ha, es verging einige Zeit, vielleicht ein halbes Jahr, dann war Fußballmeisterschaft, dieses verrückte Spiel, es war der Tag des verrückten Spiels 7:1 und es regnete in Strömen. Ich habe mich deswegen kolossal verfahren mit der S-Bahn, weil viele S-Bahnen ausfielen und landete an der Bornholmer Straße und da saß auf der Bank eine Frau, von der ich dachte, kenn ich, kenn ich irgendwoher, Mensch. Aber sie hatte kein rosa geblümtes Kleid an, sondern normale Klamotten, Hose, T-Shirt. Und dann traf es mich wie einen Schlag, ich dachte, das ist die Frau aus dem Krankenbett, die Frau mit den Zahlen, das ist die Zahlenfrau. Ich ging also auf sie zu und fragte, kennen wir uns nicht aus dem Krankenhaus und sie sagte, ah, ich haben dir gesagt, wir werden uns wiedersehen. Oh. Und dann fragte sie mich, wie es mir ginge, ich fragte sie, also wir waren wieder gesund auf den Beinen, und sagte, ja, ich wollte mir das Spiel angucken, bin etwas zu spät. Sie sagte, ich sage dir magische Zahl sein sieben. Ha, bis dahin war natürlich noch nicht klar, wie das Spiel ausgehen würde, ich ging also zu dem Bekannten zum Spiel, und sagte: Hey, ich habe diese Frau getroffen, diese Zahlenfrau und die hat gesagt, Sieben sei eine magische Zahl. Und wenn hier heute zu sieben gespielt wird oder insgesamt sieben Tore fallen, dann muss ich wirklich ausrasten. Ja, bei fünf, glaub ich, mich zu entsinnen, war dann zu eins. Ich sah also die Gesamtsumme schon bei sieben und dachte, oh mein Gott, dass es dann letztlich sieben Tore für Deutschland waren, war das Ende der Geschichte mit der Zahlenfrau. Seither habe ich sie nicht wiedergesehen. Aber die Zahl eins bleibt immer, wenn es scheiße ist, stehe ich wieder auf. Und denk an diese grauhaarige Alte.


Sie oder ich

Ja, als ich klein war, hab ich mir’n Geschwisterchen gewünscht. Das ist glaub ich ziemlich üblich, dass Kinder sich Geschwister wünschen. Ich hatte eine ältere Schwester und hätte halt gern ein jüngeres Geschwisterchen gehabt und hab immer wieder meine Eltern darauf angesprochen und als Antwort erhalten: Wir wollten immer zwei Kinder und wir haben euch beide und wir sind glücklich, und das ist gut so, und so lassen wir’s auch. Und, ähm, das hat sich mir eingeprägt, weil mich das Thema beschäftigt hat und ich Freunde hatte, die Geschwister hatten und so weiter, also ich hab mich irgendwann daran gewöhnt, äh, diese Antwort zu bekommen: Wir wollten immer zwei Kinder und wir haben zwei Kinder bekommen. Und so sind wir glücklich. Und viel später, also nicht viel später, aber doch einiges später, aber auch noch als Kind hab ich dann irgendwann mitbekommen, dass meine Eltern vor meiner älteren Schwester bereits ein Kind hatten, das wenige Tage nach der Geburt gestorben ist … und … das hab ich auch auf so eine merkwürdige Art und Weise … uh … zwischen … so nicht direkt erfahren, sondern auf Umwegen, weil dieses Thema komplett … tabuisiert war. Also … ja … ich hab es, glaub ich, erfahren durch ein Foto von einem Grabstein und hab dann gefragt und habe dann die Antwort bekommen … aber es wurde eben nicht weiter darüber gesprochen. Ab da hat mich dann diese Frage beschäftigt, dass ich dann eins und eins zusammengezählt habe und einfach mir berechnet habe, dass, wenn dieses Kind nicht gestorben wäre, würde es mich nicht geben. Also, weil, dann hätten meine Eltern bereits mit meiner älteren Schwester zwei Kinder gehabt. Und sie wollten immer zwei Kinder … und wenn sie dann zwei Kinder gehabt hätten, würde es mich nicht geben … und … das war ein ziemlich gruseliger Gedanke, der sich dann auch immer noch breiter gemacht hat und sich auch irgendwann dahin verkehrte, dass ich dann gedacht habe, dass eigentlich ich schuld bin, dass meine Schwester gestorben ist. Dass, weil ich lebe, sie nicht mehr da ist. Was Quatsch ist, also alles ist ja Quatsch, aber trotzdem bin ich diesen Gedanken nicht losgeworden … Ich muss manchmal daran denken, weil dieses Thema dieses früh verlorenen Kindes bei meinen Eltern nach wie vor nicht thematisiert wird, nicht berührt wird, nicht angesprochen werden sollte, weil sie möchten nicht darüber sprechen. Ja, das war die Geschichte.


Ich würde ihr sehr gerne sagen, dass es mir leid tut

Es geht um ein Ereignis, ähm, als ich in der achten Klasse war und das mich bis heute eigentlich immer noch beschäftigt und tatsächlich sehr beschämt. Und zwar, ähm, es geht um eine damalige sehr gute Freundin von mir. Wir waren eigentlich die ganze Schulzeit sehr gut befreundet. Und, ähm, sie war im Klassenverband, so, naja mittelgut integriert, was aber vor allem an ihrer Mutter lag, die so sehr überengagiert und sehr anstrengend war. Und deshalb wurde auch oft über sie so’n bisschen gelästert oder getuschelt. Aber wir waren eigentlich sehr gut befreundet. Und dann gab’s mal einen Zwischenfall, dass sie sich mit einer anderen Gruppe, die so zu den cooleren gehörten, so gestritten hat und dabei zu einer, ja zu einem Mädchen, die italienische Eltern hat, ja geh doch in dein Scheißland zurück. Und danach wurde sie im Prinzip von allen geächtet in unserer Klasse. Und ich habe es auch nicht geschafft, mich diesem Ächtungsprozess sozusagen entgegen zu stellen und zu sagen, ja komm, kann mal passieren, dass sie irgendwie n‘ Mist sagt, aber sie wird jetzt nicht als ganze Person in Frage gestellt. Aber es war tatsächlich von dem Tag an so, dass wir sie alle gemieden haben und sie im Prinzip dann aus der Klasse gemobt haben. Auch ich hab da mitgemacht, obwohl wir eigentlich davor ja sehr gut befreundet waren und ich auch nie ein Problem mit ihr hatte. Und sie hat dann auch die Klasse gewechselt nach, ich weiß nich, nach n‘ paar Wochen, weil sie eben, ja, rausgeekelt wurde. Und das tut mir bis heute extrem leid, und würde ich sie treffen, würde ich ihr sehr gern sagen, dass es mir sehr leid tut und dass es total dämlich von mir war, mich so zu verhalten damals. Aber –, ja, wir ham uns seitdem auch nich gesehen und ich weiß auch überhaupt nicht, wo sie jetzt ist, was sie macht. Is — sehr schade.


Ein beglaubigtes Dokument

Ich muss auf dem Weg von der Uni nach Hause gewesen sein, bin mit der U-Bahn gefahren U7 oder U8, weiß nich mehr genau. Es war relativ voll, und — ich saß in einem Viererabteil, außen, und ich konnte, ich konnte auf die Eingangstüren kucken, der U-Bahn. [Räuspern] Und dann bei irgendeiner Station stiegen einige Leute aus und andere stiegen ein. Und, dann sah ich eine etwas korpulentere Frau, die aber noch eingermaßen jung aussah. Und ich hab mich dann gefragt, soll ich aufstehen oder nicht, soll ich ihr das anbieten? Aber wägte dann so ab, ist das jetzt gerade vernünftig, weil man will ja nicht unhöflich sein, weil das ja irgendwie eine Form von Wahrnehmung impliziert, dass man diese Person jetzt als, ähm, etwas behindert wahrnimmt, was in dem Kontext nicht ganz wohl ist. Auf jeden Fall hab ich mich dafür entschieden, erstmal sitzen zu bleiben, weil ich dachte, die Frau sieht eigentlich gesund aus. Und dann, dann kam die Frau, sie ging da richtig rein und hielt dann so’n Schein — hin und meinte dann so: Darf ich mich setzen, ich bin, ich bin behindert. Und, und deutete dann so direkt auf diesen Schein, hielt mir diesen Schein so hin, als müsste sie jetzt mit einem Dokument die Genehmigung von anderen Leuten einholen, um sich setzen zu dürfen. … Und was ich nicht verstanden habe oder warum mich das nicht loslässt, ist, dass man erst ein beglaubigtes Dokument hat auf dem draufsteht, man sei stehbehindert, was, wie man das auch nennt, und dürfe ansonsten nicht eine Person bitten aufzustehen, weil man gerade unbedingt sitzen wolle. … Ja.


Wenn die Zigeuner kommen

Meine Geschichte ist ganz ganz lange her und eigentlich gar keine Geschichte, eher ein Eindruck, der … ja … noch ins Heute spielt. Meine Großmutter … die hat mich immer sehr beeindruckt. Alles war toll an ihr. Nur wenn die Zigeuner ins Dorf kamen, also es war mehr eine Kleinstadt, in die Kleinstadt kamen, dann hat sie alle Türen und vor allem die Kellertüren verriegelt, verriegeln lassen … und bei uns gab’s sehr sehr viele Türen und vor allem viele Kellertüren, weil das war’n Hotelrestaurant, und natürlich, da wurde der Wein und das Bier und alles durch die Keller geliefert. Also das wurde alles niet- und nagelfest gemacht, wenn die Zigeuner kamen, das war für sie immer’n großer Schrecken … und äh … auch die ganze Zeit davor wurden wir immer gewarnt, also meine Schwestern und ich … wenn ihr nicht ordentlich seid, euch gut betragt und so weiter, wenn ihr nicht folgt, dann werdet ihr von den Zigeunern mitgenommen. Und letzten Endes hab ich mir das oft gewünscht, ich fand es toll, mit den Zigeunern, die da kamen, damals noch, so die allerletzten Ausläufer mit Pferdewagen und und und dann auch schon großem Mercedes mit hinten dran Camping-Anhänger, also alles roch so nach Wildheit und Abenteuer – ich hab mich jedenfalls sehr danach gesehnt. Und merkwürdiger Weise, diese Ambivalenz von Abenteuer und ähhhh Aufregung und Spannung und Leben und Exotik und gleichzeitig diesem „Wenn die Zigeuner kommen“, also diesem … äh … doch sehr Abwehr behafteten Verhalten … ähhh dieee spür ich heut noch in mir. Also einerseits bin ich neugierig, wenn ich jetzt in Berlin Zigeuner und Zigeunerinnen sehen. Und gleichzeitig ist auch ein Stück Abwehr in mir. Also ein Kindheitserlebnis, das mich heute noch begleitet im Hier und Jetzt.


Allein im 150. Stockwerk

Also. Ich weiß nicht genau, wann die Geschichte begann, aber ich erinnere mich, dass wir zusammen nach Valencia geflogen sind, und ich war lange nicht mehr in einem Flugzeug gewesen. Und wir mussten in Zürich umsteigen, und allein schon der Flug von München nach Zürich war die absolute Hölle. Und dann sind wir weitergeflogen von Zürich nach Valencia, Simon und ich, und haben ewig das Hotel gesucht. Und wir haben glaub ich im 15. Stockwerk gewohnt, es hat sich angefühlt wie das 150te. Es war so weit oben, und ich hatte Höhenangst, deswegen mochte ich auch Fliegen vielleicht nicht. Und dann waren wir da und man konnte auf die Dachterrasse gehen, und da war ein Pool, und es war unglaublich heiß. Und es war eigentlich September. Aber es war trotzdem unglaublich heiß. Und seine Mutter hat ihm die ganze Zeit SMS geschrieben, aber nur: Wie geht es dir? Obwohl sie genau wusste, dass wir zu zweit waren und sie eigentlich hätte schreiben müssen: Wie geht es euch? Aber das hat sie nicht gemacht, weil ich für sie nicht existiert habe. Und ich weiß bis heute nicht genau, wieso ich für sie nicht existiert habe. Vielleicht war es deshalb, weil — ich weiß auch nicht. Jedenfalls kam diese SMS und wir waren in diesm 15. 150ten Stockwerk, weit oben in der Sonne. Und ich weiß noch, dass ich am Pool lag, nich so ganz da, und dachte: Wie wäre es, wenn ich jetzt einfach aufstehe, nicht schwimmen gehe, keinen Cocktail trinke, und einfach mal über die Brüstung schaue. Und aus unserem Hotelzimmer hinaus konnte man ganz weit über die Stadt schauen. Die Stadt war nich so schön, die war voller Smog und voller Menschen, die auch nich so genau wissen, wohin. Ich habe hinunter geschaut und mich gefragt: Wie wäre das jetzt, wenn ich einfach das Glas wegzaubern könnte? Und vor allen Dingen habe ich mich gefragt: Wie komme ich wieder zurück, wie steige ich wieder in ein Flugzeug und fliege zurück in diesen Alltag, den man lebt? In diese Personen, die in Ich-Form schreiben, obwohl sie genau wissen, dass man ein Wir ist. Wie begegnet man solchen Personen, die einen eigentlich nicht anerkennen? Gute Frage. Ich weiß es bis heute nicht und ich würde es gerne, gerne wissen. Woran das liegt und wieso Menschen so denken.


Midlife Crisis

Also als ich 12 war, da is, ähm, mein Papa 50 geworden. Und da is er in so ne Art richtige Midlife Crisis gekommen und is dann irgendiwe total durchgedreht, im lustigen wie auch im erschreckenden Sinne. Also er hat dann irgendwie zum Beispiel, ähm, ja is dann nächtelang teilweise unterwegs gewesen. Im Nachhinein habe ich dann erfahren, dass er dann in irgendwelche Clubs gegangen ist, da abgefeiert hat und sich auch mal irgendwie ne Ecstasy gegönnt hat. Und, ähm, andere Male is er dann aber wie aus dem Nichts total wütend geworden, wegen irgendeinem Satz, den man in einem ganz anderen Kontext gesagt hat, den er dann aber auf sich bezogen hat und dann total sauer geworden ist und einmal lag ich auch morgens, ähm, im Bett und hab gehört, wie er plötzlich angefangen hat, rumzuschreien und dann anscheinend den Tisch, den Küchentisch umgeworfen hat und die Teller alle auf den Boden geworfen hat. Und, ähm, ja da war ich einmal erschrocken, aber irgendwie hab ich mir auch gedacht: Was für’n Arsch! Okay, sollen se sich halt trennen, weil das dann natürlich auch zur Sprache gekommen is, dass meine Eltern sich vielleicht trennen könnten. Ich weiß gar nicht, wie lange diese Phase gedauert hat, also in meiner Erinnerung sind es nur so ein paar Wochen, vielleicht war es aber auch länger. Und letztendlich sind sie dann zusammen geblieben, und im Nachhinein kann ich auch so’n bisschen darüber lachen, weil’s eigentlich ne sehr absurde Phase von ihm war, wo er irgendwie nochmal versucht hat, seine Jugend vielleicht bisschen wiederzubeleben. Und jetzt können wir eigentlich beide, und ich hoffe auch meine Mutter, darüber lachen, wie er sich damals verhalten hat.


Es gibt niemanden, vor dem mir’s nicht peinlich wär

Also, ich hab ne Geschichte, die … schon ziemlich lange her ist, schonhnnn 30 Jahre. Da war ich ungefähr 15, und das warn so die Anfänge von meiner politischen Bildung sozusagen über die ­– ha ha – Friedensini Wilmersdorf. Doch wirklich. Und hmm, über die Eltern von ner Freundin ham wir da geholfen, ähm, ne Tombola mit zu organisieren beim, ich glaub, es warn Erster Mai Fest. Irgenwie. Und wir hatten nicht viel, aber es gab nen ganz supertollen ersten Hauptgewinn. Und zwar war das son Holzlaster. N großer, also kein son kleines Brummbrumm, sondern wirklich n richtig tolles Teil. Das hatte wahrscheinlich irgendjemand von den Leuten da organisiert von nem Spielzeugladen oder so. Also das war der Hauptgewinn. Unnnd meine Freundin und ich und ich glaub, noch zwei weitere ham diesen Stand organisiert, der auch recht groß war und so. Und der Hauptgewinn stand natürlich da, auch um zu verlocken und zu locken, also diese Lose zu kaufen, ähm, und dann standen wir eben da, und ich hab ausm Augenwinkel gesehen, dass sich da so zwei Jungs rumgedrückt haben, die definitiv irgendwie nicht zu dem Fest gehörten und die von irgendwo kamen und die unlautere Absichten hatten. Das wusst ich gleich und dann hab ich noch mal hingeschaut und hab geSEHEN, wie die den Hauptgewinn einfach weggenommen haben und damit wegegegangen sind. Das hat außer mir keiner gesehen, was erstaunlich ist, weil es war irgendwie trubelig, und ich hab so getan, als hätt ich’s nicht gesehen und bin … hab da weitergemacht, hab einfach weg, hab’s abgespalten sofort, weil ich, ich konnt’s nicht schaffen, die Jungs, ich konnt’s nicht schaffen zu denen zu sagen, ey, bleibt sofort stehen und gebt das zurück. Die warn so frech und … äh so entschlossen, das Ding zu klaun, und vielleicht fanden sie’s auch, dass ich das gesehen habe, die ham gesehen, dass ich es gesehen habe. Das war, glaube ich das Schlimmste … äh an der Sache. Und dann am Schluss gab’s natürlich, paar Minuten später fiel das auf, da gab’s natürlich ein riesen Tohuwabohu und Radau, dass der Hauptgewinn weg war und sozusagen die Perle aus dem Geschmeide gestohlen. Und ich hab mich da’n bisschen eingereiht in die Entsetzten, ja und das ist mir furchtbar peinlich, und auch vor den Jungs sogar, vor ALLEN, VOR ALLEN Beteiligten. Es gibt sozusagen niemanden, vor dem’s mir nicht peinlich wär. Ja. Und das. Ärgerlich. Ich hätte gern die Jungs noch mal getroffen und hätte die mir am Schlawittchen gepackt und hätt gesagt, ey, sagt mal, spinnt ihr? Kauft euch erst mal schön n Los ein … Nja … hab ich aber nicht … Also, das war jetzt meine Geschichte, und jetzt drück ich wieder Stopp und tschüs.


Forget completely where is it

You know, I’m gonna tell the story in English because I’m too lazy to tell it in German. It’s a story of the, I don’t know if it’s about memories base – mixing with desires or with confusion, um, out of the reality of time. Um, what do I regret? Um, probably I regret the most of things that I wasn’t able to do than those that I actually did. Um, I’m not sure if that makes me actually, or that motivates me to do so next time. Just like fucking take the chance. Um, if there’s anything unsettling or um about somebody I did wrong, or something that I did, um, I don’t think so. But I can tell that, um, I’m not necessarily proud of – be – of taking that many stuff with me in time I travelled around. So I see these pictures in front of me about memories and family and landscape – not even landscapes – geographical maps of the world. I feel like every that which kind of invites me to remember, um, the curiosity whenever I would see any map with those amount of names, the curiosity of one to travel but at the same time, I think a lot of my curiosity of travelling is already destroyed by my visualization of the world in, uh, in a comparative perspective like seeing the whole and every time I try to travel somewhere else then I try to forget completely where is it. And same happens with pictures and the same happens like the pictures in the books and the clothes everything that I’m bringing with me every time I travel, then that’s something I’m a little bit ashamed of, kind of not being able to renounce, or being it hard for me to renounce. That’s probably more than a concrete story but that’s something that is going around my thoughts in every time I gonna take a decision in life.


Helden sein

Also ihr müsst wissen, ich komm aus einem ziemlich kleinen Dorf, 600 Einwohner, irgendwo in der Eifel. Als wir so 14, 15 waren, war uns oft ziemlich langweilig und wir mussten uns immer irgendwelche Sachen überlegen. Wir hatten so ein paar Ideale und Vorstellungen und eines Abends saßen wir so zusammen, ich und meine Schwester und unser bester Freund und wir dachten, wir kennen da doch so einen Bauernhof oben neben unserer Oma. Die haben so Kühe im Stall und denen geht’s tatsächlich nicht gut. Die waren, wie soll ich sagen, an einer Kette festgebunden und sahen nie wirklich das Tageslicht. Und dann machten wir uns, da wir den Stall kannten, machten wir uns auf und gingen das Dorf hoch, bei Nacht und Nebel, ich glaube, es war elf oder zwölf Uhr. Normalerweise schliefen da schon alle oder fast alle. Wir machten die Stalltür auf und leuchteten mit unseren Taschenlampen in den Stall rein und sahen drei Kühe, die uns ankuckten. Wir versuchten ziemlich leise reinzuschleichen, um die Kühe nicht zu erschrecken und keine Aufmerksamkeit zu erregen. Wir wussten, wie diese Metallgestelle um die Hälse und die Ketten aufgingen und öffneten diese und hatten einfach ein super Gefühl. Wir dachten, wir sind die Helden, wir sind die Befreier, wir haben was Gutes getan. Wir ließen die Stalltür auf und überließen den Kühen ihr Schicksal. Oder ja. Am nächsten Morgen kam ein Anruf, unsere Oma rief an. Sie sagte, habt ihr schon gehört, oben sind die Kühe befreit worden, bei der Tant Maria, so hieß die, Tant Maria. Und die Kühe, eine liegt gerade im Sterben und die andere, da ist gerade ein Tierarzt und die wird gerade wiederbelebt. Und wir dachten nur, ach du Scheiße, was haben wir angerichtet? Wir gingen hoch zu unserer Oma und die Polizei war tatsächlich da und nahm Fingerabdrücke und alles und sie versuchten, die „Verbrecher“ zu kriegen. Natürlich war Tant Maria sehr aufgebracht und hat ihre drei toten Kühe im Hof liegen und diese blöde Aktion ist absolut in die Hose gegangen. Wir erzählten es unseren Eltern, aber bis heute weiß es niemand aus dem Dorf. Wir mussten – ja – eine gute Miene zum bösen Spiel machen. Als wir bei unserer Oma saßen, erzählte sie uns, saß sie am Tisch und sagte uns, was müssen das für Idioten gewesen sein, die diese Kühe da rausgelassen haben und die jetzt alle tot sind? Und wir dachten uns nur, okay, scheiße, aber wir spielten das Spiel mit. Und bis heute ist das das Geheimnis unseres Dorfes und es darf niemals rauskommen. Die Kühe sind tatsächlich gestorben, weil sie niemals draußen gewesen sind und in der Nacht giftige Pflanzen gegessen haben. Das Skurrile an der Geschichte ist noch, dass die Tant Maria ein halbes Jahr davor einen Preis für den schönsten Garten in Rheinland Pfalz bekommen hat. Diese Blumen waren jetzt auch alle abgefressen. Das ist eine Jugendsünde, an die ich manchmal noch denken muss. Und ich hoffe einfach, dass sie niemals rauskommen wird.


Nur der Himmel

Also, einmal, da lag ich auf dem Balkon und es war voll der schöne hohe Balkon in Neukölln, oberstes Stockwerk und man hat nur den Himmel gesehen. Dann hab ich mich so richtig schön ausgestreckt und den Himmel betrachet und gedacht, wie schön es ist. Dann hab ich meinen Kopf auf meine Hände gelegt, so hinter den Kopf. Und dann auf einmal hat mir eine Taube in die Achsel geschissen. Prrrfff.


Kapitalistische Welt

Früher haben mein kleiner Bruder und ich, er ist anderthalb Jahre jünger als ich, ein Zimmer geteilt. Diese Geschichte ist eigentlich mehr eine Beichte und …. (Pause) ein Aufschrei, wenn man in einer kapitalistischen Welt groß wird. Denn ich habe mit sechs, ich konnte schon zählen, ich war schon in der Schule und mein Bruder gerade noch nicht. Und mein Bruder hatte immer viel mehr Spielzeug als ich, ich hatte mein Barbiepuppenhaus, was ich nicht brauchte. Es war ein relativ großes Haus, was mein Opa aus Holz gebaut hat. Und mein Bruder brauchte unbedingt Platz, um seine Actionfiguren und was auch immer es war, irgendwohin zu stellen. Und dann hab ich ihm mein Barbiepuppenhaus vermietet und habe meinem kleinen Bruder sein letztes Taschengeld abgenommen, damit er seine Spielzeugsachen gut unterbringen kann. Und im Endeffekt, was ist das für eine Welt, wo ein Sechsjähriger glaubt, dass es ein cooler Move ist, dem eigenen Bruder das letzte Geld aus der Tasche zu ziehen. Sorry.


Die strengen Großeltern

Als ich ein Kind war, hab ich in Westdeutschland gewohnt. Meine Mutter kam aus dem Osten. Meine Großeltern haben auch in der DDR gewohnt und sind jedes Jahr für etwa vier oder sechs Wochen am Stück zu uns gekommen. Als ich so zehn war, hatte ich mein erstes eigenes Zimmer ohne meinen Bruder bekommen, es war eine Anliegerwohnung bei uns im Haus. Immer, wenn meine Großeltern kamen, musste ich mein Zimmer und mein Reich, das mir heilig war sozusagen, für sie räumen und musste mit meinem Bruder zusammen in sein Zimmer ziehen. Wir hatten uns zu der Zeit eh nicht so gut verstanden, das heißt, immer wenn meine Großeltern aus der DDR gekommen sind, war das für mich eine ganz schwere Zeit. Dazu kam, dass mein Großvater ein Pfarrer war, jemand, der an der Ostfront gewesen war und zwischen schwermütig und sehr streng war, also für Kinder nicht gerade das, was man erleben wollte. Der auch sehr rigide Ansichten hatte, wie Erziehung zu funktionieren habe und der mich, das weiß ich auch noch, auch einmal mit einer Ballonpumpe auf die Finger geschlagen hat, was für mich als 68-er Kind ein sehr großes Trauma war, zumindest hab ich es dazu gemacht. Auf alle Fälle muss ich sagen, ich habe es gehasst, wenn ich wusste, meine Großeltern kommen aus der DDR zu uns. Und irgendwie hab ich es geschafft, es war wahrscheinlich das erste oder zweite Mal, als ich mein eigenes Zimmer hatte, da kamen die und wohnten in meinem Zimmer und ich habe es so sehr gehasst, dass ich es ihnen, ohne es zu sagen immerhin, glaube ich, aber ich weiß es nicht genau, weil es ja schon sehr lange her ist, aber sehr deutlich gezeigt habe, dass sie nicht erwünscht sind und dass ich will, dass sie weggehen. Und eines Tages kam ich aus der Schule und da standen sie mit gepackten Koffern bei uns in der Diele und waren eigentlich bereit, aufzugeben und abzufahren und warteten eigentlich nur auf meine Mutter, dass die sie zum Zug bringen sollte. Ja, meine Mutter kam dann, sie war Lehrerin und kam aus der Schule nach Hause und hatte die Situation sofort verstanden und hat sich wie eine Furie auf mich gestürzt und hat auf mich eingeschlagen. Es gab ein relativ langes Nachspiel und das Ding dabei war, dass ich natürlich überhaupt nicht wütend auf meine Mutter war, sondern ich hab mich einfach nur die ganze Zeit geschämt, dass ich wirklich daran schuld war, dass ich wirklich diese Leute, die ja meine Großeltern waren, bei uns aus dem Haus vertrieben habe und ich glaube auch mit meinem Großvater habe ich mich danach nie wieder darüber unterhalten können, auch gar nicht mehr über viel anderes, weil er dann relativ schnell auch aus der DDR weggegangen und gestorben ist. Das war sozusagen für mich dann im Nachhinein relativ traumatisch, dass das Einzige, was uns verbunden hat, eigentlich ist, dass ich ihn aus meinem Zimmer hatte ekeln wollen.


Das ganze Dorf

Die Geschichte, die ich erzählen möchte, spielt in einem kleinen Dorf. Wir wohnten am Ende einer langen Straße, zusammen mit meinen Großeltern. Mein Großvater war ein Tyrann, er wurde von keinem wirklich gemocht, weder von meiner Mutter, er war ihr Vater, noch von den Enkelkindern. Auch von seiner Frau nicht, was kein Wunder war, denn er hat sie immer sehr schlecht behandelt. Solange ich zurückdenken kann, hat meine Großmutter immer in der dritten Person von ihm gesprochen. Die Dinge, die sie über ihn erzählt hat, ließen mich schon als kleines Kind erkennen, dass er ein schlechter, vielleicht auch grausamer Mensch war. Meine Eltern, meine Schwester und ich wohnten im ersten Stock und oft hörte ich, wie mein Großvater unten im Erdgeschoss tobte und meine Großmutter mit sehr derben Schimpfwörtern anbrüllte. Seine grobe Sprache war ein Spiegel seiner Seele. Ich muss etwa dreizehn Jahre alt gewesen sein, auf jeden Fall war ich in gewisser Weise aufgeklärt, da erzählte mir meine Großmutter eines Abends, dass er vor ein paar Jahren ein junges Mädchen vergewaltigt hatte, nicht weit entfernt vom Haus, am Waldrand war er in einem Maisfeld über sie hergefallen. Meine Großmutter war keine Geschichtenerzählerin, sie hat eigentlich nie viel von früher erzählt, nur das Nötigste. Damals erzählte sie mir, wie sie ihn weggeschickt hatte, als sie davon erfuhr. Doch er war bald darauf wieder gekommen, er stand vor der Tür und sie hatte ihn hereinlassen müssen. Diese Szene habe ich mir später oft versucht vorzustellen: Wie dieser fettleibige Tyrann meine kleine, schmale Großmutter zur Seite drängt, um sich wieder an seinen angestammten Platz auf der Kücheneckbank zu setzen und sich selbstgerecht eine Zigarre anzuzünden. Mein Großvater wurde nie angezeigt noch hat er irgendeine Strafe erhalten, obwohl das ganze Dorf Bescheid wusste. Auch die Eltern des Mädchens unternahmen nichts gegen ihn. Im Nachhinein hat das auch erklärt, warum wir Kinder meist hinten im Hof spielen mussten und nur selten auf der Straße mit den Kinder aus den Nachbarhäusern. Meine Eltern und meine Großmutter wollten uns schützen vor den Mitwissern und ihren Zeigefingern. Meine Mutter hat in einer Weise über ihren Vater gesprochen, die sehr deutlich machte, wie sehr sie ihn schon immer verabscheut hat. Genauso wenig hat mein Vater ihm über den Weg getraut. Ich erinnere mich an eine Szene, als mein Vater wutentbrannt auf meinen Großvater losgegegangen ist und ihn angeschrien hat, er solle uns nicht anfassen. Ich konnte es damals natürlich nicht deuten. Unter uns Enkeln hat die Geschichte lange nachgewirkt. Jahrzehnte später, mein Großvater war längst gestorben, erzählte meine ältere Cousine meiner Schwester von einer ähnlichen Geschichte von ihr als kleines Mädchen und meinem Großvater im Kartoffelkeller. Meiner Schwester fiel dann ein, dass er immer wollte, dass sie auf seinem Schoß sitzt und dass irgend etwas daran sehr unangenehm war. Und seltsamerweise sprachen beide, meine Cousine, die sehr religiös ist, und meine Schwester, von Vergebung, er sei ja jetzt tot und die Toten solle man in Frieden lassen oder so ähnlich. Das hat mich sehr irritiert, auch sehr wütend gemacht. Ich habe mich, als ich ihre Geschichten vom Kartoffelkeller und auf dem Schoß sitzen müssen gehört habe, fast übergeben. Ich habe vor ein paar Jahren von meiner Schwester erfahren, dass sie von jener Frau, die mein Großvater damals als Mädchen vergewaltigt hatte, angesprochen wurde und dass diese Frau meine Schwester zur Rede stellen wollte. Die Frau hatte meiner Schwester erzählt, dass sie lange Zeit in therapeutischer Behandlung war. Ich nehme an, dass man sie damals völlig allein gelassen hatte mit diesem Erlebnis. Ich hätte gerne mit der Frau darüber gesprochen, aber ich habe bis heute nicht den Mut gefunden, Kontakt aufzunehmen. Vielleicht wäre es auch für sie wichtig, um mit der Sache besser klar zu kommen. Man kennt solche Geschichten ja aus der Literatur und aus Filmen, sie passieren überall und zu allen Zeiten. Dennoch kann ich bis heute kaum glauben, wie so etwas überhaupt möglich ist. Ein ganzes Dorf deckt einen Täter und dieser muss sich nie für seine Tat verantworten. Mich belastet dieses Wissen bis heute. Von meiner Mutter habe ich bis heute nicht die Gründe erfahren, warum sie ihren Vater so verabscheut hat. Sie vermeidet es, über ihn zu sprechen. Aber viel Phantasie bedarf es nicht, es mir auszumalen.


Revealing

I was at a party, and it was a big one, a big end of the year celebration, and there was lots and lots of people that I knew, I knew very well. And I’d worn a dress that I’d been too scared to wear any other time because it was quite revealing. But I was comfortable enough with these people so I wore it, and it was great. And then after, at another party, one of the guys who had walked in on me sleeping with his roommate and never had the right to see me naked in the first place, asked me to my face with other people around, what happened to your titties? And I was so stunned and shocked he could even ask that even as he went on to describe how nice and big they’d been before, when he’d walked in on me, I couldn’t even say anything and all I ended up saying in the end was that I’d lost weight and that’s all I could say. And I feel like I wish I’d said much more than that, and because I felt humiliated and ashamed, and I wanted him to feel like that too.


Brustvergleich

Hier ist meine Geschichte. Oder eigentlich ist es unsere Geschichte. Die Geschichte meiner Frau und mir. Das heißt, damals war sie noch nicht meine Frau, sondern einfach meine Freundin. Wir haben einen unserer ersten Urlaube gemacht, in Amsterdam. Nur so ein paar Tage. Die Stadt bebummeln. Und … ähm … warn auch im Museum. Ein bisschen Kunst schadet nie. Wir sind in einem Raum. Der Raum ist voll mit Gipsabdrücken von Frauenbrüsten. Wir sind entzückt. Es gibt sie in allen Farben, Formen, Größen. Und wir tun das, was die meisten Frauen wohl in dem Moment tun: Wir stellen uns abwechselnd davor, ziehen das T-Shirt hoch und machen einen Brustvergleich. Und natürlich fotografieren wir uns. Die eine vor der Wand mit den Brüsten, nackt oder zumindest halbnackt. Die andere vor der Wand mit den Brüsten. Ebenfalls mit hochgezogenem T-Shirt. Wir sind zufrieden. Wir haben schöne Bilder. Das denken wir jedenfalls. Es ist lange her. Wir hatten noch keine Digitalkamera. Wir schlendern weiter. Es macht Freude, dieser Tag, das Museum. Wir sind zufrieden. Wir kommen zum Ausgang. Ein netter junger Mann grinst uns an und sagt: „I saw you.“ Wir werden rot. Daran hatten wir nicht gedacht: Videokameras. Es war die Zeit, bevor man sich darüber so viele Gedanken machte. Die Zeit, bevor wir abgehört wurden. Die Zeit, bevor wir überall gefilmt wurden. Aber im Museum – wir hätten dran denken können. Wir versuchten, erhobenen Hauptes herauszugehen, ohne allzu sehr unser Gesicht zu verlieren und meinten: „We hope, you had a good time.“ Wir waren stolz auf uns, dass wir das so gemacht haben. Aber auch heute noch kichern wir ein bisschen beschämt über diese Geschichte … vor 20 Jahren.


Mein Hotel New Hampshire

Ich erzähl euch heute eine Geschichte. Meine Geschichte heißt: Mein Hotel New Hampshire, ja? Ich bin vor ein paar Jahren in eine WG gezogen. Sie lag abseits von der Stadt, und … ehm … es war ein altes Bauernhaus. Ich bin durch Zufall daran gekommen. Ihr müsst euch das Haus so vorstellen wie – ja, sagen wir, in einer alten Geschichte … Mit ziemlich zerfallenen Wänden und verfallenem Dach. Und die WG ist innen drin aber ziemlich geräumig, oder das Haus ist innen ziemlich geräumig, hat sieben oder acht Räume und hinten auch einen ganz schönen Garten. Und ich bin damals in das Haus reingekommen und hab mich ganz wohl gefühlt und habe gedacht – okay: Hier zieh ich ein. Und diese WG ist einfache … das skurrilste Wohnerlebnis, das ich bis jetzt erlebt hab. Meine, meine Mitbewohner die waren einfach super, und eigentlich ist zu jedem eine spannende Geschichte zu erzählen. Ihr müsst euch vorstellen, man geht die Treppen hoch – die Treppen knarzen, wenn man da hoch geht – man öffnet eine Holztür und dann tritt man ein in ein … einen langen Flur. Links gibt es einen kleinen Raum, und rechts war mein Zimmer. Mit schönen Holzdielen und Blick in den Garten, aber ziemlich dunkel. Wenn man geradeaus weitergeht, dann kommt man irgendwann in das Zimmer von meinem Mitbewohner Michael. Michael ist, wohnt dort seit 1990, und wir ham ihn immer den WG-Papa oder den WG-Ältesten genannt, weil er einfach der war, der dort schon immer gelebt hat. Quasi schon immer. Ähm … Michael läuft im Winter meistens mit einer Jogginghose rum und einer Fellmütze mit einem Kommunistenstern oben drauf und hat eine riesige Brille auf. Er ist ziemlich kräftig, würd ich mal sagen, seine Lieblingsspeise ist Schokolade und Kakao. Ähm … Er war der Meinung, dass das sich die – dass er die Handtücher nicht waschen muss, weil sie sich ja nach dem Duschen, wenn man sich damit abtrocknet, von selbst reinigen, weil man dann ja auch sauber ist. Mh, ich hab die dann immer heimlich in die Waschmaschine getan, aber – ja, nur eine kleine Anekdote. Ähm, er hat mal einen Film gedreht und er hat so’n bisschen sein Leben dokumentiert. Was ich am Anfang gesehen hab, er war auf dem Dachboden, wir hatten nämlich da noch ein, ja einen Dachboden, genau, und ähm, was ich am Anfang gesehen hab: Da lagen ganz viele blaue Säcke rum. Und in den blauen Säcken waren ganz viele Kinderbonbonpapierchen. Und als ich dann eine andere Mitbewohnerin fragte, die da auch schon länger wohnte, was das sei, erzählte sie mir, dass Michael, , dessen Liebliengsspeise ja Schokolade ist, auch ein Faible hat für ahhhm … Kindebonbonpapierchen, und er sammelte davon so viel, dass wir letztlich auf dem Dachboden eine Sammlung hatten, die locker unser ganzen Haus dämmen könnte, und in einigen der Säcke fand ich auch ganz viel Hundefell. Er hatte nämlich einen kleinen Hund. Und das war seine zweite Leidenschaft. Er sammelte das ausgebürstete Fell von seinem Hund und bewahrte es auf dem Dachboden auf. Er hatte auch einen kleinen Wellensittich, und eines Abends, als er bei seiner Familie auf dem Weihnachtsfest war, und seine Familie ist, glaube ich, ziemlich konservativ und sehr bürgerlich … und sein Vater wohnt gar nicht mehr dort, also seine Mutter ist getrennt und seine Brüder sind Banker und ein Arzt, er ist also ein – mhm, sag ich mal, Außenseiter in seiner Familie, der nicht wirklich ernst genommen wird, auf jeden Fall … äh … saß er am Tisch mit seiner Familie und hatte seinen Wellensittich auf dem Arm … äh, auf der Schulter und hatte irgendwann keine Lust mehr auf die Familie, ist dann in den Keller gegangen und hat heimlich gekifft. Im Heizungskeller. Und äh, er, er stand da so, mhm, mit seinem Vogel und rauchte, zog an seinem Joint und pustete den Rauch in das Gesicht des Vogels und dieser flog dann ganz aufgeregt weg … und potzte gegen ein Heizungsrohr, weil er, weil der Vogel so bekifft war, dass er nicht mehr wusste, wo er hinfliegen konnte, sollte, und fiel dann zu Boden. Gott sei Dank überlebte er das. Und genau, Michael mh … ging dann wieder hoch und da er ja so viel mh die Süßigkeiten liebte, gab seine Mutter ihm ganz ganz viel Schokolade zu Weihnachten … Ähm … dann gibt es, gibt es noch den, die jetzige Elfie, ehemals ein Mann und jetzt eine Frau, und sie hat auch einiges miterlebt, würde ich sagen. Ähm, sie hat sich manchmal ein bisschen verfolgt gefühlt und machte sich eines Abends, als es zum Höhepunkt kam, als sie gedacht hatte, sie würde getötet, wenn sie jetzt nicht abhaun würde, machte sie sich heimlich aus dem Staub. Packte alles ein, was auf ihre Identität schließen könnte, versteckte es in einem Gleisbett und versuchte ungesehen aus der Stadt zu kommen, zu gelangen. Und sie kroch durch das Unterholz, riss sich die Kleider vom Leib und kam irgendwann, erschöpft nach, sag ich mal, sieben Kilometern in einem kleinen Dorf an, wo sie, als es dunkel wurde, über Dächer lief und nachts in einem Papiercontainer schlief. Das war Elfie … Mhm … Dann gab es … dann gibt es Bobby, der so verliebt ist, dass er … wie soll ich sagen … dass er … er sagt von sich selber, er ist manisch depressiv, aber er ist auch ein Künstler, sag ich jetzt mal. Er arbeitet viel mit Holz und er malte einmal ein Schild, als er … hm … das Herz meiner anderen Mitbewohnerin eroberte. Er war frisch verliebt, und es war wahrscheinlich auch die erste Liebe seines Lebens, und er malte ein kleines Schild, wo draufstand, manisch manisch. Und einmal, als ich meiner Mitbewohnerin den Kopf streichelte, lag er plötzlich auf dem Boden in der Küche, und wir fragten, was mit ihm los sei. Er sagte uns, dass sein Herz gebrochen ist, weil ich weil er sie für sich brauchte. Und dann gibt es noch – wen gibt es noch? Dann gibt es noch Greta. Greta ist schizophren, sie hat eine Persönlichkeitsspaltung – ach, ja. Wie soll ich sagen. Sie war in unserer WG, und wir wussten nicht, dass sie eine Persönlichkeitsspaltung hat, und … äh … sie setzte einfach ihre Tabletten ab und verfiel plötzlich in eine Schizophrenie, und wir wussten nicht, was wir mit ihr tun sollten. Und irgendwann wurde sie dann auch aufgepeppt von einem Arzt, Gott sei Dank, und tja mittlerweile wohnt sie nicht mehr da. Eine andere … wurde nach, ich bin, ich hab dann erst zu der Zeit zwei Wochen dort gewohnt, eine ältere Frau, Maria, mhm, sie lag eines morgens tot in ihrem Bett. Sie hatte einen kleinen Hund. Ähm. Wir haben uns nicht weiter darum gekümmert, dass die Tür so lange zu ist, weil Maria brauchte manchmal ihren Rückzugsort … Irgendwann nach drei Tagen wurde es uns dann doch komisch und wir gingen rein und wir sahen sie auf dem Bett liegen, die, die Zigarette noch in ihrer Hand, die Gott sei Dank nichts verbrannt hat. Der kleine Hund lag neben ihr und hat die ganzen drei Tage keinen Mucks gemacht. Dann gibt es noch – wen gab es noch? Dann gibt es noch Manu, die eine richtig krasse Geschichte hatte. Aber genau. Es war Manu … aber bitte, also hiermit bitte ich, dass die Namen nicht genannt werden [alle Namen wurden geändert], weil das ist auch eine Geschichte, die mich sehr mitnimmt. Manu ist, ähm, eine sehr nette Person und sie hat uns einmal ihre Geschichte erzählt von … Vergewaltigungen. Sie wurde von ihrem Vater und von ihren beiden Brüdern vergewaltigt und hatte eine ziemlich schwere Zeit, und diese WG hat irgendwie mein Leben verändert, also jede Person die da eingezogen ist, seit neuestem wohnt da nämlich noch jemand drin, der diagnostiziert bekommen hat, dass er … ähm, die Krankheit, ich weiß nicht, wie man das nennt, der seine Haare immer ausreißt. Ich hab immer das Gefühl, dass auf diesem Haus was besonderes liegt und das ist eine meiner Geschichten oder meiner WGs, die mir, glaub ich, immer im Herzen irgendwo bleiben werden, weil es mich einfach mitgenommen hat, alle diese Geschichten, und jeder Mensch, der da reinkommt ist ganz speziell. Und das ist mein Hotel New Hampshire.


Du ruinierst mein Leben

Dies ist nicht meine Geschichte. Es ist die Geschichte einer Freundin von mir, die aber gerne möchte, dass diese Geschichte erhalten bleibt und vernommen wird. Also: Diese Freundin hat einen Sohn, der vor einigen Jahren sehr stark pubertiert hat. Das ging mit üblen Beschimpfungen einher, wie man das kennt, und eines Tages hat diese Freundin beschlossen, dass die ganze Familie einen Familienausflug machen muss in die Neue Nationalgalerie. Da war eine Gerhard Richter Ausstellung, und sie fand, das sei jetzt wichtiges Kulturgut, das müsse angeguckt werden. Der Sohn hat natürlich gesagt: „Nein! Auf keinen Fall! Ich hab was anderes vor, ich komm nicht mit, und wenn du von mir verlangst, dass ich doch mitkomme, bist du die schlechteste Mutter der Welt! Eine Psychopathenmutter! Du ruinierst mein Leben!“ Sie hat aber gesagt: „Quatsch, du kommst mit!“, und dann sind alle ins Auto gestiegen und da hin gefahren. Auf dem ganzen Weg hat es im Rückspiegel immer nur Grimassen gegeben und Geschrei, und der Sohn hat immer wieder gesagt: „Du zerstörst mein Leben!“ Sie sind in die Ausstellung reingegangen – da war es genau das gleiche. Alle paar Minuten hat sie geguckt, was er macht oder sagt, und er hat, wenn überhaupt, bei jedem Bild immer nur gesagt: „Das kann ich auch! Kann ich auch! Kann ich auch! Ist doch alles doof und keine Kunst! – Können wir jetzt gehen?“ Ihre Antwort: „Nein, ich brauch jetzt noch ne halbe Stunde, um mir das alles anzugucken. Du kannst dich ja hier hinsetzen!“ Also hat sich der Sohn hingesetzt und irgendwann – aus Langeweile – angefangen, den Audioguide zur Ausstellung zu hören, um die Zeit rumzukriegen. Als die Mutter nach einer Weile dann durch war mit der Ausstellung und gehen wollte, hat sie ihn gesucht und gefunden: als Anhängsel einer Gruppe, einer Führung, an die er sich angehängt hatte, die alle Bilder sehr lange betrachtete, dazu Erzählungen geliefert bekam, Geschichten und Hintergrundwissen, dem er sehr andächtig gelauscht hat. Nach einer weiteren halben Stunde hat sie ihn zum nächsten Mal gesehen und ihm gesagt, sie müsste jetzt gehen, wegen der anderen, kleineren Kinder. Da hat er gesagt, ja, ne, er würde noch bleiben. Soweit so gut. Sie ist gegangen, sie wohnte im Prenzlauer Berg – und drei Stunden, nachdem sie zu Hause angekommen ist, kam auch der Sohn wieder heim. Die BVG fuhr auf der Strecke an dem Tag aus irgendeinem Grund nicht, er hatte noch gebraucht und war dann zuletzt in Gedanken von der Nationalgalerie nach Prenzlauer Berg gelaufen, und meinte als Resümee, der Tag habe sein Leben verändert. In der Tat hat er gesagt: „Danke, Mama, danke, dass du mich gezwungen hast, mir das anzuschauen.“


Kurz drangefasst

Naja nee, ich glaub ich war 12, 13 oder 14, da, vor meiner sexuellen Reife. Und obwohl in meiner Familie ein ganz offener Umgang mit Körper war, ähm — also alle ham sich ständig gerne irgendwo nackt gezeigt, oder es war einfach normal, das zu tun, auch beim Baden und so weiter, und zusammen im Badezimmer und so — hatte ich aber trotzdem… Ich glaub, ich hatte keine Doktorspielchen gemacht, erinner ich mich überhaupt nich, das gabs nich, ich hatte wahrscheinlich keine Mädchen in meinem Freundeskreis als kleiner Junge irgendwie, wo man das gemacht hätte. Und dann war ich mal, warn wir baden an nem See, und da war so’n anderthalbjähriges Baby dabei, von Bekannten. Und ich war irgendwo anders mit der. Ich hab immer gern mit kleinen Kindern gespielt. Ähm, alles mögliche mit denen, ich fand das immer sehr amüsant. Und die saß da so, und die war nackt. Und irgendwann hat mich das interessiert, weil ich kannte natürlich das weibliche Geschlecht vom Angucken, aber ich dacht mir einfach, wie fühlt sich das an, ist das ganz weich, ist das, wie ist das? Wie, wie fühlt sich das weibliche Geschlecht an. Und ich war ja so weit weg und ich dachte, das sieht jetzt keiner. Und dachte, einfach mal dranfassen, ist das wie Hartgummi, oder ist das eher wie Pudding? Ähm, ja, und dann ich da also ganz kurz drangefasst, hatte überhaupt nichts sexuelles oder so, ich wollts einfach mal tasten. Und guck ich hoch: Steht der Vater daneben. Guckt mich komisch an, hat aber nix gesagt. Ich weiß aber nich, also hat nie was gesagt. Und vielleicht hat er ja auch gesehen, das war überhaupt nichts, der hat das nur mal angefasst. Also ich hab das Kind nicht belästigt in irgendner Form. Aber ein Übergriff war es eben, ich hatte nicht das Recht dazu. Ich überleg mir heute noch, was der sich damals gedacht hat und ob der da, vielleicht, ob das da, was das für den wohl war. Wie gesagt vielleicht gar nix, für mich wars ja auch einerseits nix, unschuldige Neugier. Aber das Recht hatte ich eben nicht dazu, und natürlich ist das von außen schwer zu beurteilen, und da hab ich mir immer wieder Sorgen gemacht, ob ich da was richtig Falsches gemacht hab oder nur eine ganz normaler neugieriger Junge war.


Irgendwie so unempathisch

Ich war vielleicht so 14 Jahre alt so ungefähr und hab gerade angefangen mich zu politisieren, wobei es hatte vielleicht damit auch gar nix zu tun, ich war eigentlich immer einigermaßen widerspenstig. Ich kann auch heute z.B. noch gar nicht verstehen, wenn Menschen religiös sind, also an Gott oder, etc. Religion is für mich komplett fremd, kann ich überhaupt nicht nachvollziehen. Und meine Großmutter, mit der ich damals auch zusammengewohnt hab, die war aber sehr religiös, sehr katholisch. Und ich hab dann in dem Alter eben angefangen, sie auszufragen, weil ich es nicht verstehen konnte, war auch sehr kritisch und hab sie dann gefragt, woher sie denn dann weiß, dass es diesen Gott gibt, so ne, wie sie das denn spürt. Und sie hat dann von verschiedenen Ereignissen eben auch so berichtet und man hat eben auch gesehen, dass sie sich immer unwohler fühlt und dass es ihr damit überhaupt nicht gut geht, dass es jemand in Frage stellt. Und, ja dann hab ich gemeint: Jetzt sag mir doch mal einfach, wo du denn gemerkt hast, dass es Gott gibt. Und dann hat sie gesagt: Damals im Krieg, als wir alle gehungert haben und als ich dann gebetet habe, kam am nächsten Tag der Nachbar und hat gemeint: Maria, wir haben heute geschlachtet und du kannst auch mit deiner Familie was davon abhaben. Und da hat sie, des hat sie dann irgendwie darauf zurückgeführt, dass es eben nen Gott gibt. Und ich hab dann auch mir gedacht, das ja irgendwie n Quatsch. Und, ja also, wir haben uns dann so n bisschen in den Haaren gehabt und ich war da alleine und es tut mir heute eben auch so leid, irgendwie so unempathisch, und ähm, sie hat dann angefangen zu weinen und des is für mich heute noch — meine Oma lebt jetzt irgendwie, äh, nich mehr, des is schon ziemlich lange her, dass ich das damals nicht verstehen konnte, wieviel ihr das bedeutet hat. Und wo sie ja auch so ne harte Biografie hatte, wie also Krieg, ähm, Hunger mit den Kindern, der Mann war natürlich gefallen. Dann die Migration nach Deutschland, sie hat nie deutsch gelernt. Und sie hat wirklich viel, äh, Hartes in ihrem Leben durchgemacht. Und dass ich dann, äh, eine ihrer Enkelinnen sie dann mit dem Einzigen, woran sie glaubt, nämlich irgendwie eben an Gott, und das Einzige, was sie wahrscheinlich all die Jahre irgendwie aufrecht gehalten hat — dass ich sie dann damit so, ffffhhh, ja, fast schon in die Ecke dränge, das tut mir heute sehr leid.


Erfurt Hbf

Also es war vor gar nicht allzu langer Zeit, am Bahnhof, am Hauptbahnhof in Erfurt. Bin ich umgestiegen und hatte so ne ganze Zeit zu warten. Der Zug hatte Verspätung, viertel Stunde oder ne halbe Stunde. Und eigentlich wollte ich nem Paar sagen, dass sich das Gleis geändert hat und dass der Zug Verspätung hat, weil das in der App zuerst stand. Und dann sind wir irgendwie ins Reden gekommen, und ich stellte fest, dass, äh, die also ganz-ganz viel zu erzählen haben. Er also ehemals in Halle an der Universität gearbeitet hat, und dort Geologie und Bodenproben und Wasserstände gemessen und auf internationalen Konferenzen bearbeitet hat. Und, das war sehr absurd, weil daneben noch eine Bayer saß, der seinen letzten Arbeitstag gerade in Sachsen-Anhalt hatte, und wieder zurück nach Münschen gefahren ist. Und beide einfach wild vor sich hin erzählt haben, überhaupt keinen Bezug also auf den Anderen genommen. Und einfach ganz-ganz deutlich froh waren, dass ihnen jemand zuhört und sie ihre Geschichte loswerden können. Und ich saß einfach nur dazwischen und hab versucht, interessierte Nachfragen zu stellen. Da war ich dann froh, als der Zug da war. Aber: es war sehr interessant.


Erleichtert

Ähm, damals, ganz guter Freund von mir hat mal am gar nicht so späten Abend mitten in der Stadt auf dem Marktplatz sich an der zentralen Statue erleichtert (lacht). Und ich war da mit’n paar Leuten unterwegs und wollte ihn eigentlich vorstellen weil ich ihn gesehen hatte. Und er drehte sich dann aber erstmal weg, meinte nur kurz: Moment! und pinkelte einfach da hin. Kam dann mit ungewaschenen Händen und ner Flasche Bier in der Hand wieder und wollte allen Ernstes uns die Hand geben, sich vorstellen. Und die Leute, mit denen ich unterwegs war, haben mich nur irritiert angeguckt und sind bissl angeekelt vor ihm zurückgeschreckt. Das, tja, waaar schon ziemlich seltsam.


Enemy of state

HI, I have always been a politics agnostic person while I was growing up, and I was not up to politics until three years ago. There has been protests going on for protecting over a parc in Istanbul, that’s called Gezi, Gezi Parc actually. I am a University graduate, speaking two languages, I pay my taxes, and, um, I am, uh, 35 years old now. I’m a good citizen, I try to be humble and kind to everybody, every human being, every creature. And unfortunately I have been called as a terrorist, or I would say enemy of state, or a civil cooper, I think? I was traced by the police, tear-gas, and water canons. I was afraid, but then I see, I saw a lot of people like me, like-minded, we were running down the street, trying to hide, playing hide-and-seek with the police. And with our taxes we being chased and punished for the right that we have, a born right, freedom of speech. And since that day, unfortunately, I was, uhm, I was feeling alone, and I don’t think wanna live in that situation anymore. It’s, it’s bad, because you’re alienated, and you realize: Everything is happening for money and for bad reasons, and those politicians are manipulating everything, and money is manipulating everything. It’s, no, it’s not right. So yeah, I’m sometimes having nightmares still, and I don’t wanna live there anymore. But I can’t be a refugee or I can’t seek asylum because there is nothing in the papers that is wrong about me. Um, yes, it feels so sad and alone in your own country, in your own city you were born and raised, you’re an alien now. Uhm, I don’t really say this out loud so much, but I feel it everyday, in every city I’ve been into, every new place that I see, I look at it if this could be my new home, if I could settle a new life here. Um, we’ll see. Thank you for listening, and I hope no one is ever, has to feel this way that I felt. Or, of course there are most worse situations than the one that I had. Thank you for listening.


Hätte ich damals mutiger gehandelt

Ich bin vor vielen Jahren in eine andere Stadt gezogen weil ich da einen Job hatte, …ne keinen Job, sondern ich hatte die Möglichkeit nochmal in meinem Bereich, wo ich damals meinen Beruf hatte, nochmal in einer ganz tollen berühmten Firma neue Sachen zu lernen. Und ich hatte vorher mal einen Experten kennengelernt, der unheimlich inspiriert war, der ganz toll mich in bestimmte Techniken und Sichtweisen eingeführt hatte, und ich dachte: boah so toll kann der Beruf sein so, kann man darin leben und da was besonderes mit machen. Deswegen war ich zu der Firma gegangen, weil ich dachte, da muss das auch so sein. Ich kam dann dahin und das war dann gar nicht so. Das waren irgendwie Krümelzähler. Und, ähm ich hab diese ganze Inspiration vermisst. Und mich immer gefragt, das kann doch nicht sein, das muss doch hier sein, das ist doch so’ne berühmte Firma, die müssen das doch haben und das war nicht so. Und ähm dann hab ich mich noch, ich wollte da eigentlich n’Jahr mindestens n’Jahr bleiben und hab mich dann entschieden nach zwei Monaten aufzuhören, hab das dem Geschäftsführer mitgeteilt, gesagt, ich möchte doch jetzt schon vorher aufhören oder viel vorher. Und dann kam der und sagte, ja da müssen wir in ein Gespräch gehen und wir gehen mal hier rüber ins Lager, und das Problem war, das der Meister auf der Etage, also der Handwerksmeister auf der Etage der eigentlich dem Ganzen vorstand, der da die zentrale Person war. Dass ich mit dem überhaupt nicht zurecht kam oder nicht, das war nicht das einzige Problem, er war einer, eins der Probleme aber, ähmm, jetzt kam also der Geschäftsführer und sagte wir gehen nebenan, wir wollen das Gespräch wegen weil sie ja gehen wollen und, und er holte diesen Meister dazu und das hat mich total irritiert, das hatte ich nicht erwartet und ähm, eigentlich hätte ich ja sagen müssen, naja, mein Problem ist, dass dieser Meister und andere hier uninspiriert arbeiten und überhaupt nicht meine Erwartungen erfüllen und äh ich überhaupt nicht das bekomme, was ich gesucht hab, ich hier nicht das bekomme, weswegen ich gekommen bin. Ähm, jetzt war aber dieser Meister dabei und ich konnte das dem nicht ins Gesicht sagen. Das, hmm, da gab’s die Ebene überhaupt nicht, oder ich hab mich da nicht getraut. Und als ich dann gefragt wurde, wieso ich denn gehen will, ähm sagte ich, na irgendwie meine Freundin wohnt in einer anderen Stadt und dass diese Trennung ertrage ich nicht und deswegen ähm will ich hier doch wieder weg, also müsste ich aus der Stadt weg, das stimmte überhaupt nicht, ich wollte in der Stadt bleiben, habe ich das als Ausrede ähm genannt. Der Meister hat, ne der Geschäftsführer hat darauf sehr hmm ähm ähm despektierlich reagiert und gesagt, naja dann haben wir uns wohl in ihnen getäuscht, sprich, dann haben sie wohl nicht unsere Erwartungen erfüllt, und ähm als ich dann später wie das so üblich ist darum bat auch’n Zeugnis zu bekommen für die Zeit die ich dort war, war das wirklich ’n ganz schlechtes Zeugnis, also da stand nichts Gutes über mich drin. Ähm, und ich dachte immer das geht irgendwann mal weg und so’ne Sache ist vielleicht nicht besonders wichtig und so’ne Ausrede, die aktiviert man halt so. Aber das ist jetzt hmm, wie lang ist das her, fast dreissig Jahre her, und es lässt mich nicht los, es, ich denke heute noch, wieso hast du damals nicht einfach ehrlich deine, deine Meinung gesagt, wieso hast du damals nicht ehrlich gesagt: „Das ist hier’n Saftladen und ich will hier nicht bleiben, das gefällt mir hier nicht, ihr habt mich enttäuscht.“ Stattdessen hab ich ne so`ne billige Ausrede gesucht und der Geschäftsführer konnte sagen, ja ähm sie Herr Mitarbeiter haben uns enttäuscht. Und das ist für mich so’ne unbefriedigende Erfahrung, und ich schäme mich so dafür das ich, … da nicht einfach ehrlich war, nicht zu mir gestanden hab, sondern da so’n Weg des geringsten Wiederstandes gewählt hab, der im Moment einfacher erschien, aber eigentlich meine Ehre, … huh verletzt hat. Oder man könnte auch sagen, ich hätte denen ja auch einfach mitteilen können, oder eigentlich müssen, es wär vielleicht auch meine Pflicht gewesen, wenn ich so ein Berufsethos ernst nehme und den habe ich ja sehr ernst genommen, meine Überzeugung war ja, wenn man so’n Beruf macht, dann muss man richtig machen, man muss ihn von der Seele und vom Herzen her machen, und das habe ich in dieser Firma nicht umgesetzt gefunden und da hätte ich ja eigentlich ehrlich einfach sagen müssen, das ist ein blöder Laden hier und deswegen geh ich. Und dass ich das nicht so getan hab sondern, ähm, mich so selbst verraten hab und da so’ne seichte blöde Ausrede gewählt hab, das hat mich nie losgelassen und da denk ich heut noch, hättste damals ehrlicher und aufrichtiger gehandelt, dann wärste vielleicht auch im Rest deines Lebens ein ehrlicherer und aufrichtigerer Mensch geworden, und da denk ich das war so`n Schlüsselpunkt, wo ich, hach ja, weiss nich, schwach äh meinen eigenen Vorstellungen nicht gerecht geworden bin, und das hängt mir sozusagen noch nach. Hätte ich doch damals mutiger gehandelt, dann wär ja vielleicht auch der Rest meines Lebens mutiger weiter gegangen und so is er so halb mutig weitergegangen, ja das tut mir leid und ähm ich kann’s nicht mehr ändern, das ist traurig aber vielleicht wenn ich’s jetzt erzähle kann ich’s vielleicht ähmm n’bischen nachsichtiger sehen, vielleicht, weil ich weiß das es auch andere Geschichten gibt die so laufen, ich weiß es nicht, hmmm, naja.


Warum was vergleichen, was gut ist?

Was mich eigentlich immer beschäftigt ist, wenn man eigentlich ein glückliches Leben führt und dann immer wieder dran denkt: wenn ich jetzt irgendetwas anderes gemacht hätte in meiner Jugend, wie wär’s denn eigentlich gewesen, noch glücklicher oder eher schlechter oder besser oder anders oder wie anders? Bei mir isses immer die, sind mehrere Anekdoten, die sich eigentlich immer mit meiner, äh also mit Frauen, mit denen ich zu tun hatte, beschäftigen. Ich bin irgendwie, bin sehr sehr glücklich, hab ne hab eine Familie, bin seit dreissig Jahren mit der gleichen Frau zusammen und wir haben immer noch guten häufigen Sex und es macht Spaß und irgendwie wir sind, wir reden nicht viel drüber, aber es ist irgendwie, irgendwie, … gut, so. Aber ich bin, irgendwie es ist die einzige Frau, mit der ich geschlafen hab in meinem Leben, ich hatte mit anderen n bischen Tächtelmächtel und n’bisschen Rumknutschen aber nicht äh, wirklich Sex, und dann fragt man sich natürlich: hmm fehlt mir da jetzt eigentlich irgendwas, wenn ich jetzt heute Geschichten von anderen Leuten höre oder lese, ich les auch viel, und es entsteht da so’n gewisser Druck, gesellschaftlicher Druck, schon fast unheimlich viele Erfahrungen mit unheimlich viel verschiedenen Partnern zu haben und alle aller Geschlechter und aller äh Farben, Größen und so weiter. Und dann denk ich immer, es, ich denk immer wieder drüber nach, ob’s nicht schön gewesen wäre in ner, mit zwanzig mit sechzehn mit vierzehn äh mit mehr Frauen geschlafen zu haben, und es war nicht so, dass ich keine Gelegenheiten hatte, und das war, eigentlich äh ist eigentlich das, wo ich immer wieder drüber stolper so, weil ich immer denke, eigentlich war’s in dem Moment, in dem ich dann, meistens war’s ich, der zu schüchtern war, wenn ne Tür offen war, ….. äh, wo ich dann immer denke weil, in der damaligen, in dem damaligen Moment war das immer richtig zu sagen nee, ich, ich will nich, ich hab irgendwie, ich hab ne Freundin, ich will irgendwie, will mich auch richtig korrekt verhalten, und ich will nich irgendwie äh einfach nur mit jemandem ins Bett gehen, weil ich irgendwie, keine Ahnung, und da gab es mehrere Situationen, wo ich, wo ich, wo wirklich alle Türen offen waren für mich, also wo ich als als Mann hätte sagen, nur sagen müssen, ja ich geh jetzt, ich mach das jetzt, ich hab’s aber nicht gemacht. Ja, jetzt frage ich mich natürlich: wie ist das eigentlich, wie wär das, wie was würd das eigentlich verändern heute für mein Leben, wär ich irgendwie, hätte ich, hätte ich den Vergleich mit den anderen Frauen, mit denen ich geschlafen hab, wär das, würde mich das sicherer machen in, in meinem Leben, in dem ich jetzt heute lebe, wo ich eigentlich, wo ich ja total zufrieden bin, oder würde mir irgendwas fehlen, würd ich’s vergleichen mit, äh irgend irgendwas vielleicht besser gewesen wäre, oder wärs mir eigentlich unangenehm immer daran zu denken. Gleichzeitig muss ich mir eingestehen, dass es mir immer auch unangenehm ist, oder immer ist, dass es mich immer beschäftigt, dass ich’s eben nicht gemacht hab, dass ich eben nicht weiß, wie es ist und dann damit dann natürlich auch immer die Frage verbunden ist, will ich eigentlich noch mal einfach nur mit ner, mit anderen Frauen schlafen, damit ich’s gemacht habe? Damit ich das vergleichen kann, damit ich meine Frau glücklich bin, ähh, damit ich’s vergleichen kann mit ner anderen Erfahrung ums, und will ich das machen ums abzusichern, es ist besser, dass ich sicher sein kann und mir bestätigen kann, ja ich bin, ich bin glücklich so wie ich lebe mit meiner Partnerin, oder will ich das eigentlich nur machen, aus Egoismus? Und das da stolpere ich immer wieder drüber und dann natürlich immer die Frage, äh die kommt, die total konkreten Situationen, wo ich äh das Gefühl hatte, jetzt könnte ich jetzt hätte ich eigentlich mit dieser Frau schlafen müssen, als ich zwanzig war oder neunzehn keine Ahnung und äh wo ich mich dann immer frage, wollte sie eigentlich wirklich, war diese Tür wirklich offen oder bilde ich mir das nur aus heutiger Sicht so ein, war ich eigentlich total naiv und, es beschäftigt mich dann doch immer wieder, dass ich diese diese eigentlich ne Chance natürlich hab vorbeiziehen lassen, weil ich hab das ja irgendwie nicht aus moralischer, aus moralischen Gründen sausen lassen oder ich entschied mich: nee ich will lieber ein monogames Leben führen, sondern es war ja einfach so, ich war zu feige natürlich oder zu, naja aber es beschäftigt mich natürlich immer wieder, aber wirklich diese tolle Frau damals irgendwo in in Toulones auf’m Hausboot im Hafen, ne Freundin die älter war, die deutlich älter war als ich, die halt irgendwie, wir haben im gleichen Bett geschlafen, ich war irgendwie, ich war, ich hab mich in meinem Schlafsack eingeigelt und ähh, aber ich denk halt immer noch dran, von ihrer Seite waren alle Türen offen und ich frag mich natürlich immer, hmm war das eigentlich wirklich so oder war das, ist es nur ne Fantasie, und bereue eigentlich, dass ich natürlich nichts gemacht hab, nicht nicht mutig genug war zu sagen: ja jetzt ähh betrüg ich hier meine Freundin und und ähh für eine Nacht und dann ist wieder gut. Ja das ist, wird mir auch nie jemand beantworten können. Die des, die Frage ist natürlich in die Zukunft gerichtet. Was mich dann immer wieder beschäftigt: will ich nochmal mit irgend, irgendeiner anderen Erfahrung einfach nur, nur um der Erfahrung willen, um dieses, äh um dieses Gefühl gehabt zu haben, also vergleichen zu können. Und damit halt wieder sofort die Frage, warum, warum will ich eigentlich was vergleichen, was gut ist, warum vertrau ich, also vertrau ich, kann ja dem, könnte in dem ja einfach vertrauen und sagen: ja, das ist gut so, wie ich lebe, ich bin ja nicht, es ist’n, ich bin glücklich damit, wie, wie ich bin, und wie ich mit meiner Freundin bin. Und eigentlich muss mir keiner, eigentlich brauch ich keinen Vergleich. Aber der Gedanke ist immer wieder da. Tja hmm, mal schauen in zwei Jahren fünf Jahren zehn Jahren gibt’s die Antwort, vielleicht. Hmm.


Der charismatische Mann

Als ich 18 war etwa, hatte ich ’n Berufswunsch, der war mir irgendwann eingefallen. Lange war mir gar nix eingefallen, und da war ich froh, dass ich irgendwann diesen, diesen Lehrberuf lernen wollte. Es war was bisschen ausgefallenes, ähm, aber es war schwer da was zu kriegen. Ich hab mich dann in ganz Deutschland per Briefen beworben, ähm und hab nur Absagen bekommen, oder gar nüscht gehört. Und dann hatte ich eine Freundin, die wohnte im Nachbardorf und die fand ich ziemlich toll, die war irgendwie… ich glaub ich war einfach kindlicher als die, und ich fand die…, die hatte so ne Ernsthaftigkeit, und ich hatte auch immer so’n bisschen das Gefühl, dass sie mich für meine Impulsivität oder vielleicht auch, ähm ja Kindlichkeit noch so bisschen kritisch beäugte, schon eigentlich ganz gern mochte aber dann doch so ne gewisse Distanz hielt, so’n bisschen auf jeden Fall, ja. Und der Vater, äh war’n total eindrucksvoller Mann, ganz charismatisch. Er hatte ein Auge nur, also im anderen ein Glasauge. Und, aach der hat so’n Charisma ausgestrahlt, das war, hat mich immer fasziniert. Und der hörte von meinem Berufswunsch und sagte irgendwann: Hm, wart mal, ich kenn da, ähm, einen, der hat eine Werkstatt mit diesem Beruf, das is 100km von hier entfernt in ner französischen Stadt, und soll ich mal mit dem reden? Oder vielleicht sagte er auch nur, ähm, ja, so irgendwie, vielleicht hatte er auch schon mit dem geredet und sagte dann: Schau mal her, hier ist die Adresse, bewerb dich da mal. Das war so die Ansage, die ich gehört hab. Bewerb dich da mal, und so etwa: Ich kenn den. Ich wusste nicht genau … ich hab nix weiter abgespeichert, sozusagen. Hatte ich diese Adresse und dachte so: Oah, weißte so ne französische Stadt, da sprechen se diese andere Sprache mit den vielen Buchstaben, die man nicht ausspricht. Und, ähm, hab das da rumliegen gehabt, hab in der Zeit viel, ähm, gekifft, viel meine Tage weggetrödelt und viel nix gemacht und war nich auf richtig auf was gepolt und wollte nich richtig irgendwas und tat nich richtig irgendwas. Ähm, und da hab ich eben auch diese Bewerbung dann einfach nich gemacht, ich hab das einfach nie gemacht. Hab ab und zu dran gedacht und dachte: Ach nee, da musste hier weg, ich war so’n bisschen da verhaftet da noch im Ort meiner Eltern. Und: träge, faul, müde, alles auf einmal. Und, ähm, n‘ halbes Jahr oder so später sprach der mich drauf an und sagte: Ja er hätte jetzt mit diesem Meister da gesprochen und der hätte gar nichts gehört! Und er hätte sich jetzt gewundert, und er hätte doch quasi bei dem vorgesprochen und für mich gesprochen und meine Bewerbung angekündigt. Und jetzt sei er etwas blamiert weil da nie was gekommen sei. Und da war ich total vor’n Kopf gestoßen, hatte das auch am Anfang nicht so verstanden gehabt, dass er da wirklich schon für mich quasi so’n bisschen den Weg geebnet hatte. Vielleicht hatte er das extra nicht gesagt, um mir nicht zu signalisieren, dass ich da jetzt n‘ Vorteil durch ihn hätte. Ich weiß nicht genau. Auf jeden Fall hab ich mich wahnsinnig geschämt, dass dieser tolle Mann, den ich so klasse fand, ähm, extra was für mich getan hatte und ich ihn eigentlich wirklich einfach enttäuscht hab. Ich hatte quasi so bei ihm offensichtlich den Eindruck erweckt, ich will was Besonderes, ich brenne dafür, ich möchte das, ich engagiere mich, und dann hab ich genau das Gegenteil geliefert. Ich hatte es einfach verpennt oder so verduselt oder mich nich richtig getraut oder gedacht: Oh des is ja auch egal. So ne blöde Mischung aus allem Möglichen, was sich eben nicht engagiert (lacht), und es wurde mir dann klar, dass ich dann diesen Mann da sehr enttäuscht hatte. Und das hängt mir bis heute nach. Und wenn ich die mal irgendwie auf nem Klassenfest treffe, die Tochter, dann ist mir das jedesmal präsent die Geschichte, und jedesmal schäme ich mich so’n bisschen, ich denk jedesmal: Die denkt jetzt bestimmt: Naja, das is ja der Hmhmh, der hat ja damals diese Geschichte so verpennt und der is bestimmt heute noch so’n verpennter Typ. Und das ist mir unangenehm weil … … … weil, weil wieso? … … Weil ich eigentlich selber dachte, ich sei was anderes. Und ich glaube, das is ein Grund, der mich heute, so ein Motor, der mich heute antreibt. Diese Bild will ich nie mehr erwecken. Das hat mich unheimlich beschämt.


Naivität und erstaunliche Begebenheiten

Meine Geschichte ist äh(lacht) eine Geschichte über Naivität und äh erstaunliche Begebenheiten. Ähm, ich war backpacken in Australien und ähm (lacht) ähm, habe zum Beispiel ähm. Och ich fang nochmal von vorne an (lacht). Also ich war in Australien backpacken und ähm brauchte natürlich wie jeder Backpacker dringend Geld und ähm war an gewissen Punkten manchmal sehr verzweifelt um einen Job zu finden und habe alles dankbar angenommen. Ähm, da gab’s dann ein Portal, über das man kucken konnte, ähm wo man Jobs finden kann, und da hab ich ein Angebot gefunden, wo es ähm, wo ein Job angeboten wurde als, ähm Housekeeping, so. Naja, Zimmermädchen mehr oder weniger, auf einem Boot für 2-1/2 Wochen auf See am Great Barrier Reef. Das hab ich angenommen, und ähm in meinen Englischkenntnissen so verstanden, dass es ein Luxusboot wäre, bin in den Hafen gekommen und hab mich auf die 2-1/2 Wochen gefreut. Es war tatsächlich ein Fischerboot, frisch wie aus dem Film ›Der weiße Hai‹, und die Crew und meine für die nächsten 2-1/2 Wochen zukünftigen Weggefährten bestanden aus sechs waschechten Fischermännern, die alle aussahen ungefähr wie Popeye, und einer äh rüstigen Finnin und mir. Und ähm, jaaa, die ersten 2 Stunden im Hafen hab ich dann direkt schon diverses an Drogen angeboten bekommen, sofern ich’s denn gewollt hätte. Ähm, es war also klar: Okay, die zwei Wochen werden sehr, äh, spannend, und vielleicht nicht ganz ungefährlich. Mein Gewissen und meine gute innere Stimme hat geschrien: Das klingt nicht sehr gut, das klingt nicht nach etwas, das du tun solltest. Und ich hab meiner besten Freundin zuhause geschrieben über Whatsapp und ihr ein Bild von dem Boot gezeigt, und die Fischermänner beschrieben, und sie meinte auch: Du mach das nicht! Ähm, das ist keine gute Idee, lass das mal lieber. Ich hab’s dann doch gemacht. Hab ihr aber gesagt: Wenn ich in 2-1/2 Woche nicht wieder zurück bin, ruf vielleicht doch lieber die Polizei. Aber ich hab’s gemacht. Und die 2-1/2 Wochen auf See, auf diesem Fischerboot, diesem rostigen Fischerboot mit den sechs absolut rauen Männern war, waren unglaublich. Es war eine wahnsinnige Zeit, ich hab wahnsinnig schöne Sachen gesehen, und das Riff kennengelernt, und gelernt wie ruhig es sein kann und wie schön es sein kann auf See zu angeln und ähm halt relativ in Einklang mit der Natur zu leben. Es war wunderschön, und diese sechs Männer, die haben mir wahnsinnige Geschichen erzählt, mir gezeigt, wie spannend und wie herausforderungsvoll des Leben auch sein kann, wie man es schafft halt als Fischermann zu enden. Es war wahnsinnig schön und, ähm, es waren welche der 2-1/2 besten Wochen meines Lebens. Also ist das eine Geschichte über Naivität und ähm trotzdem, ja zu erkennen, dass man sich nicht immer von allen was sagen lassen sollte und nicht nur das machen sollte, was andere einem empfehlen oder abraten evtl. Sondern dass man auch mal offen ist für Neues, was evtl. gruselig klingt und vielleicht auch schmerzhaft sein könnte, aber wenn man sich drauf einlässt man positiv überrascht werden kann.


Die letzte Frage

Eine Frage, die letzte Frage ist, ob ich schon einmal einem Geist, dem Tod oder einem Engel begegnet bin. Ich war vier Jahre alt und meine Eltern sind nach Kanada umgezogen. In Kanada, Toronto, sind wir zu dritt bei einem alten Schweden untergekommen, in einer Villa im Viertel Old Forest Hill Road, Toronto, dem Herrn Headman. Herr Headman war der Cousin von Greata Garbo. Das allein ist ja schon spektakulär. Er wohnte in einer Villa, die eigentlich im Erdgeschoss stattfand, mit einem großen Wohnzimmer, Elternschlafzimmer, Kinderschlafzimmer – alle diese Räume, in denen wir wohnten, die waren alle im Erdgeschoss … große Küche … und: Er sammelte Kronleuchter. Es war ein … ich war vier, und der Mann, aus meiner Perspektive, wirklich, war ein Greis. Er war selber auch noch im Haus, versprach sich offensichtlich davon, weil mein Vater Philosoph war, dass er jeden Tag philosophische Gespräche mit seinem Untermieter haben könnte, und hat uns wohl aus diesem Grund ins Haus genommen. Er wohnte im Dachgeschoss. Das war aber wirklich eigentlich eine Dachbodenwohnung, also auch da … so wie ich mich erinner, war er immer im Morgenmantel, er lief auch immer im Morgenmantel unten rum, und die nächste Etage war dann schon das Dachgeschoss, es war ein sehr seltsames Haus, eigentlich, aber wie gesagt, wenn man vier ist, ist ja alles riesig, und er war im Dach und hat da immer ferngesehen. Wie gesagt: Er war immer in einem gestreiften Morgenmantel unterwegs. In diesem Haus habe ich in einem Zimmer geschlafen, das zwei Türen hatte. Die eine Tür, die ging zum Flur, und die zweite Tür zum Badezimmer. Das Badezimmer hatte auch wieder eine Tür zum Flur. Mein Zimmer, das war ganz praktisch, kann man natürlich sagen, dass man dann direkt im Bad ist, aber … in meinem Zimmer hingen auch mehrere Kronleuchter. Meine Mutter hat dann dafür gesorgt, dass die Kronleuchter entfernt werden, oder wenigstens der, der über meinem Bett hing, weil sie Angst hatte, dass die möglicherweise auf mich herunterfallen würden. Der ganze Keller war eben auch voller Mineralien, also Steinen und eben auch voller Truhen voller Ersatzsteine für Kronleuchter. Zu diesem Haus gibt’s … das war wirklich recht spektakulär. Jedenfalls: Eine meiner allerersten Erinnerungen an einen Albtraum, das hab ich wirklich nie vergessen, ist, dass ich nachts aufwache – und ich schlief mit dem Kopfende weg von der Tür, das heißt, wenn ich geguckt habe, konnte ich die Tür – es gab einen großen Schrank an der Wand parallel zum Flur, und dadurch konnte ich die Tür selber nicht sehen. theoretisch, wenn der Schrank nicht dagewesen wäre, hätte ich die Tür gesehen, aber ich konnte die Tür selber nicht sehen, und die Tür zum Badezimmer war in der Verlängerung am Fußende zu meinem Bett. Also die konnte ich auch nicht wirklich sehen, die war halt da, aber beide Türen konnte ich nicht sehen aus meinem Bett, und ich bin aufgewacht nachts, und mit weiten Augen kam durch die Tür zum Flur ein Clown ins Zimmer und ging wieder raus, rückwärts. Und dann kam als nächstes der Teufel ins Zimmer und ging rückwärts wieder raus. Und es wechselte sich ab. Die kamen immer abwechselnd, ein Clown und ein Teufel ins Zimmer, und es war, das war einfach atemberaubend entsetzlich. Und es ist wirklich dieses Grauen, das damit einhergeht, das hab ich immer noch in den Knochen. Inzwischen ist das ein Bild geworden, und in den letzten Tagen hat eine Künstlerin, Sarah, von der ich den Nachnamen nicht kenne, sich einen Spaß erlaubt und aus einem Hotelfenster ein kleines Filmchen zu drehen, in dem ich eben eine Wette – also im Grunde genommen genau diese Szene zu drehen. Also ich geh zum Fenster, und dann geht eine andere Person zum Fenster. Sie hat das aus ihrem Hotelzimmerfenster so um die Ecke gefilmt, und das hat mich wieder sehr daran erinnert. Das war meine Begegnung mit einem Geist, dem Tod oder einem Engel, also der Teufel, das war Tod, das ist nicht ganz, es verschwimmt so …


Meine schlimmste Geschichte

Meine schlimmste Geschichte war, dass ich, ich glaub ich war vier Jahre alt. Meine Schwester war ein Jahr alt und meine Mutter war mit uns beiden alleine zuhause in unserem Haus. Und da war halt so ein Kamin, da war die Kaminscheibe gebrochen. Dann hatte ich die glorreiche Idee, eine Decke hinten an den Stuhl zu hängen und dann darunter zu rutschen. Nun ja, der Stuhl ist halt umgekippt und ich voll mit dem Gesicht auf diese kaputte Kaminscheibe rauf. Na ja, mein ganzes Gesicht war aufgerissen und meine Mutter kam dann sofort und meinte dann ja, wir müssen sofort ins Krankenhaus und es wäre schlecht, wenn wir da nicht hingegangen wären. Na ja, ich war dann eine Woche, nein drei Wochen im Krankenhaus, bin dann wieder zurück gekommen. Dann begann wieder die Kita, da hat sich das alles wieder entzündet, die ganzen Narben und dann musste ich noch mal für eine Woche ins Krankenhaus. Das war meine schlimmste Geschichte in meinem Leben.


Westlimonade

Als ich vierzehn Jahre alt war, das war Mitte der achtziger Jahre. An einem schönen Sommertag kam ich aus der Schule nach Hause und hatte mir mit Freunden vorgenommen, mit Freunden ins Schwimmbad zu gehen. Als ich aber nach Hause kam, sah ich einen rieseigen Kohlenhaufen vor dem Hoftor liegen. Ich erinnerte mich, dass meine Mutter mir gesagt hatte, dass heute die Kohlen kommen. Ich lebte damals mit meiner Mutter allein, und wir mussten die Kohlen allein in den Keller schaffen. Jedenfalls haben wir damals diesen riesigen Kohlenhaufen an diesem heißen Tag nach und nach in den Keller geschafft, und es war wirklich eine große Strapaze. Das einzige, das mir Zuversicht gegeben hat, war die Aussicht auf eine Fanta, eine Fanta-Limonade, die ich seit über einem Jahr aufbewahrt hatte. Die hatte ein Westverwandter mitgebracht, und ich hab sie gehütet wie einen Schatz und hab gedacht, heut ist der Tag, an dem du diese Fanta trinken wirst. Mit diesem Ziel im Kopf hab ich es dann tatsächlich bewältigt, diesen Kohlenhaufen bei diesem fantastischen Wetter in den Keller zu schaffen, und kam dann nach oben und holte die Fanta, die bei uns in der Speisekammer aufbewahrt wurde, heraus, öffnete sie und trank sie in einem Zug leer und merkte erst später, in dem Moment, dass sie echt eigenartig schmeckte. Ganz ganz lullig. Ich hatte sie aber schon getrunken und mir wurde wahnsinnig schlecht von der Fanta und ich musste mich übergeben. Ich schaute aufs Ablaufdatum, und sie wahr tatsächlich schon seit über einem halben Jahr abgelaufen, offensichtlich total verdorben. Seitdem konnte ich nie wieder eine Fanta trinken.


Trampolin

Auf der Klassenfahrt bin ich einer dicken Frau drauf gelaufen, das war so weich, und ihr Busen hing so runter, aber es war so weich. Und dann bin ich total zurückgesprungen wie aufm Trampolin.


Bahamas

Es war auf den Bahamas, mit meiner Freundin am Strand, wir waren beide am Strand, sehr aufgeregt, und ich habe dann mein Kondom nicht gefunden, und dann ist sie sehr sauer auf mich. Vorbei.


Aufgerissene Augen

Meine Großmutter war eine sehr fröhliche Frau. Sie hatte immer zu jedem Thema eine Geschichte auf den Lippen, einen Witz, war sehr agil, ging ganz viel spazieren, sang ganz viele Lieder, spielte gern und war durch und durch zufrieden, kann man sagen. Und irgendwann kam dieser Tag. An diesem Tag wurden wir angerufen und uns wurde gesagt, dass meine Großmutter einen Schlaganfall gehabt hatte. Und wie sie nun mal war – das wussten wir auch – hatte sie natürlich nicht ihren Notfallknopf um, hatte diesen nicht drücken können, war deshalb erst am nächsten … hatte den Schlaganfall gehabt am Abend und war erst am nächsten Mittag gefunden worden von ihrer Putzfrau. Am Boden liegend. Dann war sie im Krankenhaus. Ja. Wir fuhren jetzt da hin, um sie zu besuchen und zu schauen, wie es ihr ging, und es ging ihr natürlich nicht besonders gut. Sie war mit dem Kopf voll da, konnte alles verstehen, nickte und schüttelte den Kopf, wenn wir ihr Fragen stellten – konnte aber leider nicht mehr machen. Sie konnte nicht mehr sprechen. Sie versuchte zu sprechen, es kam aber nur Genuschel raus. Sie konnte sich nicht wirklich bewegen. So ging das ein paar Tage lang. Die Ärzte sagten, es gebe wenig Hoffnung, dass sich daran etwas ändern würde. Sie wurde künstlich ernährt, konnte nicht mehr alleine essen, und, äh, genau. Jetzt musste ne Entscheidung gefällt werden, wie es denn nun weitergehen sollte. Mein Vater, der war, beziehungsweise der ist ein ganz patenter Mann, der immer alles vordenkt, der hatte natürlich schon vor langer Zeit eine Patientenverfügung für sich selber gemacht und auch vor einigen Jahren mit meiner Großmutter darüber gesprochen, ob sie nicht ne Patientenverfügung machen möchte, und da hatte sie auch eingewilligt, und hat da – zum Glück, kann man im Nachhinein sagen – genau gesagt, was sie möchte und was sie nicht möchte, und da stand unter anderem drin, dass sie nicht am Leben erhalten werden möchte, wenn sie sich nicht mehr regen kann, nicht mehr sprechen kann, nur noch im Bett liegen kann und künstlich ernährt werden muss. Das haben wir dann auch, soweit es irgendwie ging, mit ihr besprochen, und dann wurde die Entscheidung getroffen, ja, die Nahrung wird jetzt eingestellt werden. Das wurde relativ schnell von der ganzen Familie so beschlossen, und der Arzt sagte dann, ja, sie war ja auch schon alt, sie war damals sechsundachtzig, das würde wahrscheinlich so einen Tag dauern. Das Herz mache dann ganz schnell nicht mehr mit, und darauf stellten wir uns jetzt ein. Das war natürlich schwierig, weil sie mit dem Kopf da war, sie verstand alles, hatte das aber auch schon eingesehen, dass das … oder hatte das auch so für sich entschieden, dass das die beste Lösung war und dass sie nun gerne sterben möchte. Wir gingen also jeden Tag hin, ich erzählte ihr Geschichten von früher, die sie mir erzählt hatte, und der erste Tag verging, und der zweite Tag verging, man dachte schon – ihre Lippen wurden so mit Wasser befeuchtet, sie bekam aber keine Nahrungszufuhr mehr. Das zog sich und zog sich und zog sich. Es wurden Tage und Tage und am Ende, am Ende hat sie acht Tage lang einfach nur darauf gewartet, dass sie stirbt. Das hat mich in der Zeit sehr mitgenommen, natürlich, und da gab es so einen Moment, da sollte noch mal irgendwas gemacht werden, irgendwas gemessen werden, und da wurde sie so rausgefahren aus ihrem Krankenzimmer, und weil sie nicht genau wusste, was jetzt mit ihr passiert, riss sie so die Augen auf und starrte so angsterfüllt in den Raum. Wir haben es ihr dann auch ganz schnell erklärt, was jetzt gemacht wird, und dann war’s auch wieder gut. Und naja, nach acht Tagen starb sie dann. Das hat mich sehr sehr mitgenommen damals, dass das auch so lange gedauert hat. Dass sie dann irgendwie doch so ein starkes Herz hatte, und ich hatte irgendwie das Gefühl, dass sie scheinbar doch noch nicht so ganz mit dem Leben abgeschlossen hatte, dass es so lange gedauert hat, und es hat sehr lang gedauert, bis ich darüber hinweg gekommen bin. Scheinbar war ich auch nicht die einzige, die lange gebraucht hat, um darüber hinweg zu kommen, denn Jahre später, drei Jahre später, glaube ich, da wurde meine Tochter geboren, und ich ging dann zur U2 mit ihr. Das war da so ein ganz ängstliches Kind am Anfang, das vor allen Sachen zurückgeschreckt ist. Sie wollte eigentlich nur getragen werden und im Tragetuch sein. Ich ging dann zur U2, meine Mutter war gerade angekommen und wollte sich meine Tochter anschauen, sie kennenlernen und ging mit mir. Und dann fuhren wir mit meiner Tochter, also meine Tochter fuhr dann das erste Mal im Aufzug – und im Aufzug riss sie, als es hoch ging, von diesem Gefühl, das man ja so hat, wenn man im Aufzug fährt, die Augen auf. Angsterfüllt guckte sie uns an, da fing meine Mutter an, ganz fürchterlich zu weinen und sagte, sie hätte dabei genauso ausgesehen wie meine Großmutter, als sie aus dieser Tür herausgerollt wurde. Diese Angst davor, was jetzt passiert, und da habe ich gemerkt, das war das zweite Mal in meinem ganzen Leben, dass ich meine Mutter überhaupt habe weinen sehen, da habe ich gemerkt, ich bin nicht die einzige, der diese ganze Geschichte so nachhängt. Die hat mich nie so richtig verlassen, die Geschichte.


Liebe

Also meine Geschichte hat vielleicht den Titel: Liebe. Und zwar hat sie sich hier ganz in der Nähe im Kiez abgespielt. Vor ein paar Jahren, da habe ich ein Projekt mit Seniorinnen und Senioren gemacht, und wir hatten – das sollte ein Theaterprojekt sein – wir haben dort viele Geschichten erzählt und hatten das Thema Liebe an dem Abend und hatten sehr schöne Gespräche und ein schönen Austausch, und danach bin ich noch zu einem Freund, der damals, als die Kneipe noch Adler hieß, hier vorne gearbeitet hat, und ich wollte ihn besuchen, bin dann hereinspaziert, und wir waren zunächst alleine da, weil gerade keine Gäste da waren. Es war sehr schön, wir haben irgendwie geplaudert, und dann kamen zwei Leute rein, offenbar Brüder, einer schon relativ betrunken, und ich habe beim Eintreten der beiden bereits bemerkt, dass einer der beiden sehr gefährlich sein muss und unter Umständen auch schon mal einen Menschen umgebracht haben muss. Er hatte eine ziemlich krasse Energie und wollte auch sofort testen, ob er noch was trinkt für seine paar Groschen, also ob er noch ein Getränk bekommt. Das bekam er, denn dieser Freund und ich, wir haben uns irgendwie ohne Worte verständigt, dass wir für alles offen sind und natürlich den beiden auch Bier geben würden. Dann haben wir da zusammen Musik gehört, wir konnten immer wieder übers Internet irgendwelche Songs einspielen, und ich hab mich mit diesem Menschen unterhalten und hab die ganze Zeit so ein Gefühl gehabt, so eine Atmosphäre von: Ich muss diese innere Liebe in mir stark halten, also ich muss dieses Gefühl von Unvoreingenommenheit, jeder ist von Grund auf kein böser Mensch in mir weiter aufrechterhalten, dann kann an dem Abend auch nichts Schlimmes oder Blödes passieren. So kamen wir ins Gespräch, haben mehrere Stunden da verbracht, und ich bin dann auf Toilette gegangen, und als ich von der Toilette zurückkam, saßen die beiden immer noch da, und als ich an diesem so genannten gefährlichen Menschen vorüberging, hat er seine Hand versucht in meinen Schritt zu legen. Da habe ich sofort ganz klar diese Hand zurück genommen und gesagt: „Das machen wir hier nicht.“ Und es hat eigentlich ausgereicht, wie ich es – ich war nicht böse, ich war auch nicht entsetzt, sondern einfach nur: Das geht zu weit, das gehört hier nicht hin. Und dann konnten wir weiter gemeinsam dort sitzen. Irgendwann sind die beiden gegangen, und wir dann auch, am Ende haben wir den Laden geschlossen, und was ich so schön oder so interessant finde an der Geschichte ist, dass, wenn ich nicht vorher mit den Seniorinnen und Senioren dieses Thema gehabt hätte, wäre ich nicht in dieser Lage gewesen, einem Menschen, der gefährlich ist, menschlich zu begegnen und ihn, selbst wenn er einen Schritt zu weit geht, ihn quasi, ja, ihn einfach in seine Schranken zu weisen und ihn trotzdem als Mensch zu schätzen. Das war meine kleine Geschichte hier aus dem Kiez.


Grasallergie

Okay, jetzt fällt mir mein verstörendes Ereignis der letzten Tage ein: Ich habe eine Allergie, eine Grasallergie, und ich trink gerade mein eigenes Pipi, um das wegzukriegen, das ist schon echt verstörend irgendwie, aber man gewöhnt sich an alles.


Angst

Ich möchte eine Geschichte erzählen, die in Mexiko stattgefunden hat und zwar war ich da mit Anfang zwanzig im Urlaub. Es war wunderschön, in Tulum, das ist ein Strand, der heute ziemlich erschlossen ist. Damals war das aber noch total underground, es gab einfach so drei oder vier Holzhütten, das Meer war blau, der Strand war weiß, es war wunderschön da. Wir hatten nun eine dieser Hütten bezogen, zwei Mädchen Anfang zwanzig, beide blond, beide bisschen naiv, beziehungsweise da war meine Freundin schon Ende zwanzig und ich noch ein bisschen jünger. In dieser Hütte standen einfach nur zwei kleine Feldbetten, sonst, soweit ich mich erinnern kann, nichts. Es gab zwei kleine Fenster, die waren sehr klein, trotzdem fiel ein bisschen Tageslicht rein, aber wir hatten eigentlich immer die Tür offen. Der Boden bestand aus Sand, die Hütte war dünn und aus Holz. Genau, aber wir hatten die Tür immer auf, man konnte raus und rein laufen, es gab frische Luft. Wir liefen zu Fuß zum Strand runter und konnten ins Meer springen. Meine Freundin, die immer auf der Suche nach Marihuana war, sprach dann diesen Typ an, fand bald wieder was, es hat immer geklappt auf dieser Reise und ja, wir verbrachten dann ziemlich viel Zeit mit so nem jüngeren Mexikaner – ich weiß nicht mehr, wie er hieß. Ich glaub Elmo oder irgendsowas in der Art, El, keine Ahnung. Ein kleiner, kräftiger Mensch, dunkelhäutig, er hatte so halblange Haare und sah ein bisschen aus wie Harvey Keitel in „Das Piano“. Also ein bisschen wettergegerbtes Gesicht und so ein breites Lachen. Ein seltsamer Typ, aber wir fanden ihn ganz witzig. Er hatte diese Stimme, quäkte so ein bisschen und sagte immer „ziemlich“, auf spanisch „bastante“, und das war sehr – wir machten uns darüber immer wieder lustig und verbrachten so den Abend mit dem. Er wollte uns auch unbedingt zu einer Wanderung animieren, wo wir in so Grotten gehen sollten, da war so Wasser in den Felsen und das klang auch total toll … Das Wetter wurde schlechter, der Strand leerte sich, die Leute reisten ab und irgendwann waren nicht mehr viele dieser Hütten besetzt. Es gab noch diesen einen Mexikaner, auch so’n junger Typ, und uns beide, und am Abend zogen Wolken auf, ein Unwetter näherte sich und wir … Der junge Mexikaner ging dann irgendwann, und wir saßen mit diesem Typ, der ungefähr Mitte dreißig war, damals für uns schon ungefähr uralt, vielleicht war er auch noch etwas jünger, am Strand und haben einen Joint geraucht. Zuerst war’s ganz lustig, wir lachten irgendwie, er erzählte irgendwelche Geschichten, und plötzlich veränderte sich diese Situation. Dieser Mann fing an, uns anzufassen. Wir wollten das nicht, das fanden wir nicht lustig, aber noch normal, wir sagten was, aber er hörte nicht auf. Er fasste mir an die Beine, ich schob die Hand weg, da war sie aber schon auf dem Bein von meiner Freundin, und irgendwie stand ich dann auf und sagte, ich geh jetzt in die Hütte, und dann ging ich los und hörte meine Freundin hinter mir, die irgendwie schrie, lass mich los!, und ich sah, wie sie sich von diesem Typ losriss. Plötzlich kam die Angst. Wir rannten in diese Hütte und schlugen die Tür zu. Und wie gesagt, die Tür war nur ein kleiner Verschlag. Es gab so einen kleinen Riegel, der aber wirklich nicht gut in der Wand befestigt war, und wir schoben diesen Riegel vor und hatten dann diesen Mann vor der Hütte, der gegen die Tür schlug. Und es war so eine Panik, weil wir merkten, dass der das ernst meint und dass der jetzt auch nicht mehr zu stoppen ist. Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Draußen fing es an zu regnen. Es war wirklich niemand mehr da. Dieser andere junge Typ, der dort gearbeitet hat, war auch weg, und es gab keine anderen Leute mehr. Wir konnten also nicht um Hilfe rufen. Wir zerrten diese Betten dort hin und stapelten sie aufeinander vor der Tür. Dieser Typ schlug die ganze Zeit an die Tür, ein kräftiger kleiner Mensch, rammte immer wieder gegen diese Tür, rief nach uns, wir sollten doch rausgehen. Ich weiß nicht, wie lang und wie viel Zeit, er war irgendwann am Fenster. Wir hatten nur so einen kleinen Vorhang, den wir dann auch vorgezogen haben. Gott sei Dank, waren die Fenster so klein, dass der Typ da nicht reinkonnte. Irgendwann, ich weiß nicht, es waren dann wahrscheinlich Stunden vergangen, musste ich dringend auf die Toilette. Ich musste dringend auf die Toilette, aber ich wusste, wenn ich auf die Toilette muss, muss ich diese Hütte verlassen. Ich muss das Bett wegschieben, die Tür aufmachen, da raus gehen, äh, durch den Sand laufen, um dort hin zu kommen. Und ich wusste ganz genau: Dieser Typ ist noch irgendwo da, auch wenn er jetzt nicht mehr gegen die Hütte rannte und uns auch nicht mehr direkt bedrohte. Ich hatte zu viel Angst, und dann nahmen wir einfach irgendeine Flasche und haben da reingepinkelt. Am nächsten Morgen waren wir völlig fertig und reisten dann ab. Es war wirklich so eine Situation, in der ich so viel Angst hatte wie noch nie in meinem Leben vorher. Und als wir dann nach Mexico City zurückkamen, also nach D.F., haben wir diese Geschichte unserer Freundin erzählt, und die erzählte uns wiederum, dass eine Freundin von ihr ihr gesagt hat, dass genau dieser Typ zu der Zeit, als sie dort war, eine andere Frau oder ein junges Mädchen vergewaltigt hat. Und ich hab mich gefragt, ob man’s hätte vorher wissen sollen, müssen, können oder nicht. Das ist meine Geschichte.


In the Jungle

Das letzte Jahr habe ich in einem illegalen Refugee-Camp in Frankreich verbracht. In Calais. Das Camp nennt sich der Jungle. Inzwischen gibt es das nicht mehr, aber die Erinnerungen sind auf jeden Fall noch da. Ich möchte von einem Tag erzählen, der mir nie wieder aus dem Gedächtnis gehen wird. Von den vielen Erinnerungen dort. Von den vielen schlechten und düsteren Erinnerungen. Aber auch von den hunderten an fabelhaften Erinnerungen. Es ist ein interessanter Zwiespalt, an solche Zeiten zurückzudenken und einen kleinen Ort zu haben, in dem man unheimlich viel Brutalität, die Verletzung von Menschenrechten, Polizeigewalt, Schicksale miterlebt hat und gleichzeitig auf gespendeten Decken und auf Schlammböden gemeinsam Menschlichkeit erlebt hat, die beeindruckendsten Persönlichkeiten kennengelernt hat und, ja, die stärksten Menschen, die es gibt kennengelernt hat. Im Juli ist im Jungle ein Kampf ausgebrochen zwischen zwei Mafiaverbänden, die es dort gab, und der ist sehr eskaliert, sodass hunderte von Menschen auf einmal aufeinander losgegangen sind beziehungsweise es dann riesen Schlägereien gab und auch ein riesen Feuer ausgebrochen ist. Und wir haben gerade gegessen. Also ich mit meinem Team und ein paar Freunden haben bei einem Freund aus Afghanistan, bei dem wir oft zum Mittag gegessen haben, gerade gesessen und hatten einen wunderschönen Nachmittag und haben erzählt und auf ein Mal haben wir das Feuer gesehen und haben die Menschen gesehen, die in Richtung des Kampfes gerannt sind. Und das Feuer wurde immer größer und immer größer und kam immer näher und immer näher, und die Polizei kam, und das Tränengas kam, und die Menschen. Wir konnten Menschen sehen, die mit Schippen losgerannt sind, und konnten nicht wirklich was machen. Es war nicht an uns, da einzugreifen, die Situation war am Eskalieren. Und während wir so da waren und uns irgendwie in dieser Hütte versteckten, weil der Kampf sich um uns, um das Haus irgendwann zentriert hatte, und wir uns mit sechs Leuten in dieser kleinen Minihütte verschanzt hatten, fing mein Freund Majid aus Afghanistan auf einmal an zu singen. Er sang: In the jungle, the mighty jungle, the lion sleeps tonight. Und so standen wir auf ein Mal in dieser Hütte da, während um uns herum das Chaos losbrach, an einem der traumatisierendsten Tage meines Lebens, und haben „In the Jungle“ gesungen. (Lacht) Eine Gruppe aus Menschen aus Deutschland, aus England, aus Frankreich, aus Amerika, aus Afghanistan, aus dem Sudan, aus Eritrea, aus Pakistan, ja, standen wir dort und haben gesungen. (Lacht) Angesichts dieser Horrorerlebnisse. Ja, und ich glaub diesen Moment, ich wünsch mir immer, wir hätten ihn irgendwie festgehalten, weil er so schwer zu erzählen ist, und es schwer zu begreifen ist, wie skurril das ist, auch wie schwer es ist zu verarbeiten, dass dieser Moment in Frankreich passiert ist, also sehr nah an uns dran. Ja.


Ostia

Ostia, ein Vorort von Rom an der Mittelmeerküste, um uns herum Badegäste, Strand, ich bin unterwegs mit Professoren und Mitarbeitern des Deutschen Archäologischen Instituts. Wir haben den Tag über einen Friedhof besichtigt, Grabsteine, Inschriften entziffert, es ist heiß. Wir setzen uns in ein Restaurant, essen Spaghetti, Muscheln, Meeresfrüchte. Wir zahlen. (Bricht ab.)


Schön bunt hier

Mir kommt die Geschichte jetzt wieder, weil ich die eben reflektiert habe, wieder drüber nachdenken musste, und sie ist eigentlich gar nicht belastend, sondern einfach nur sinnlos und schön, und man muss sie teilen, damit sie nicht verloren geht. Es begab sich vor ungefähr fünf Jahren, sechs Jahren, nee, es muss viel länger her sein, acht Jahre ist es schon locker her. Das ist nicht in Berlin, aber ich wurde erinnert durch diesen Schrebergarten, in dem ich jetzt hier gerade sitze, dass ich mir mal so nen Markierer, sprich so ein Paintball-Gewehr gekauft habe, und das Paintball-Gewehr wollte ich natürlich mit meinen Kollegen direkt austesten. Und ich dachte, naja, wenn du in der Stadt wohnst, da kannste nicht in den Park gehen und da ein bisschen durch die Gegend schießen. Das hab ich schon mal davor gemacht, und zwar mit ner Softair-Pistole, mit nem Kumpel, da waren wir so zwölf oder so, nachts sind wir da durch den Park gerannt und haben da auf Hasen oder Bäume und son Zeugs geschossen – und plötzlich kam die Polizei vorbei und – ah – hat uns die Waffen abgenommen und uns verhaftet, und wir waren Kinder und haben geflennt, und die Eltern mussten uns abholen … Super belastenden Geschichte! Das war noch n Kollege, den ich ausm Konfiunterricht kannte … Na ja. Aber zum Markierer: Wir wollten ihn austesten, und haben uns überlegt, was machen wir, also, wo machen wir das, Park ist ja schon mal weggefallen, läuft ja nicht, und dann haben wir uns dafür entschieden, ein Kollege, einer der nicht anwesend war, der durfte nicht eingeweiht werden, der hatte einen Schrebergarten, beziehungsweise seine Großeltern. Wir wussten zufällig, wo der lag, weil wir im Jahr davor seinen Geburtstag dort gefeiert haben. Und dann sind wir abends zu diesem Schrebergarten – so kommt’s mir, weil wir auch im Schrebergarten sind, gelle – sind wir in diesen Schrebergarten gegangen, sind da über Zäune geklettert, davor, wir wussten ja auch nicht mehr genau, wo es war, sondern mussten suchen, mit dieser Waffe da im Rucksack und so weiter. Und dann sind wir da gelandet, haben es gefunden, und haben dann auf Dosen und – keine Ahnung – auf alles, was im Garten der Großeltern stand, geschossen. Das Problem war, dass diese Kügelchen gefüllt waren mit lila Farbe oder mit Pink oder sowas. Und dann haben wir diese pinke Farbe überall verteilt, alles war voller lila Farbkleckse. Und dann kam es richtig geil: So ne Woche später oder ein paar Wochen später kam der Kollege dann zu uns und meinte: Meine Großeltern haben gemeint, irgendwie sind überall rosa Flecken bei denen in ihrem Schrebergarten, keine Ahnung, wo das herkommt. Wir sind alle knallrot angelaufen, als er weggegangen ist, und wir haben uns erst mal ne halbe Stunde schlapp gelacht. Wir haben das nie aufgelöst, weil wir uns dachten, na ja, wer weiß, was das für Konsequenzen hat, Hausfriedensbruch und so weiter … aber es war eine wunderschöne Aktion und das kam mir wegen dem wunderschönen Schrebergarten, in dem ich mich hier gerade befinde, und das musste ich jetzt einfach mal erzählen. Supernice Aktion, dass man da so einfach auftauchen kann, also ich hoffe, ihr hört viele schöne Geschichten.


Völlig losgelöst

Ich glaube, ich war 17 Jahre alt, als ich mit ein paar Freunden nach Griechenland gereist bin. Und da – das macht man in dem Alter ja, auch um andere Traveller kennenzulernen, und war immer in so ner Gruppe von Leuten unterwegs … ein Australier, ein paar Schweizer, paar Deutsche, Franzosen bestimmt auch, also so interkulturell, und da hab ich ein ganz hübsches Mädchen kennengelernt. Die war so alt wie ich, vielleicht war sie sogar noch ein bisschen jünger, nee, genauso alt wie ich, würd ich mal sagen … und … ich dachte mir, das ist doch eine schöne Gelegenheit, so unterm Sternenhimmel … bisschen körperlich mit ihr zu werden. Oder romantisch zu werden. Aber ich glaub schon, dass ich sie wenigstens ein bisschen stark küssen wollte … Vielleicht wollte ich auch mit ihr schlafen. Auf jeden Fall … Ich hab schon gemerkt, die war so … hm hm … zurückhaltend, war sehr vorsichtig, wollte sich nicht überrumpeln lassen von so nem testosterongetriebenen jungen Mann … Also, das ist jetzt meine Fantasie, keine Ahnung, was sie so genau … Sie war einfach zurückhaltend, obwohl sie ihr Interesse an mir gezeigt hat. Und dann hab ich sie gefragt, ob sie nicht mit mir – abends sind alle nach dem Lagerfeuer ins Bett gegangen, in den Schlafsack gegangen – am Stand bleiben will, weil später würde ja der Mond aufgehen, da hatte ich mir so die Zeiten gemerkt. Und wenn der Mond aufgeht, wenn er so am Horizont erscheint, habe ich mir erzählen lassen, ist der so rot wie die Sonne. Mittlerweile hab ich’s ein paar Mal gesehen. Jahre später. Aber damals hatte ich’s noch nicht gesehen und wollte es gerne sehen und hab sie also überredet, im Schlafsack, da wurd es auch so’n bisschen kühl, mit mir am Strand zu sitzen und darauf zu warten. Wir ham uns unterhalten, vielleicht ham wir ein kleines bisschen gekuschelt, vielleicht ham wir uns ein kleines bisschen geküsst, aber sie blieb vorsichtig und etwas auf Distanz. Und irgendwann, wahnsinnig spät, wir waren schon unglaublich müde, ist dann dieser Mond aufgegangen – aber da warn irgendwie unten so ein bisschen Wolken und dadurch war er erst höher am Horizont zu sehen und da hatte er vielleicht so’n leichten Orangestich, aber der erhoffte Effekt blieb ganz und gar aus, und wir hatten umsonst gewartet auf den Mond, und ich hatte umsonst mir diese Strategie ausgedacht, vielleicht also doch ein bisschen körperlich mit ihr werden zu können, und es ist also leider nicht passiert. Aber es bleib romantisch, es war schön, ich mochte sie gern, und es war trotzdem ein schöner Abend. Ich war ein bisschen enttäuscht, dass ich nicht so geküsst wurde, wie ich mir das gedacht hatte. Dann schliefen wir ein, und am nächsten Morgen musste sie zurück mit ihren Freunden in die Schweiz fahren mit dem Zug, und der fuhr, wir hatten da quasi … das war der Ort Kaiaffa und wir hatten, aufm Peleponnes, und wir hatten quasi neben dem Bahnhof gewohnt oder geschlafen, also in Sichtweite, der fuhr wirklich direkt beim Strand entlang, der Zug. Aber wir waren ja erst um vier oder halb fünf, um vier irgendwie eingeschlafen, deshalb haben wir verschlafen. Der Zug fuhr um zehn, aber wir hatten einfach verschlafen. Und wir hatten ja auch nicht mit den anderen geschlafen, sondern wir hatten ja am Strand geschlafen. Deshalb wussten auch ihre Freunde gar nicht, wo sie ist. Und dann kam eine göttliche Fügung dazwischen. Ich stell mir das jetzt nicht als den allmächtigen christlichen Gott vor, sondern als so nen kleinen griechischen Wolkengott, der gesagt hat, ach, da mach ich doch mal eben was, da geht doch sonst was schief. Und in meiner Erinnerung war es also so: Wir schliefen und schliefen und schliefen, und der Zug sollte in wenigen Minuten abfahren, und wir schliefen immer noch, und der Himmel war blau, blau, blau, und plötzlich – und wirklich nur genau wo wir schliefen, wo unser Schlafsack lag – schob sich eine kleine schwarze Wolke hin und regnete auf uns. Also wirklich als hätte die einer so dahin geschickt und hätte uns damit wachgeregnet. Wir wachten auf, und da hörten wir ihre Freunde irgendwo anders am Strand also nach ihr rufen, und sie so: och, sie muss weg. Und sie schnappte ihren Schlafsack und zack und rannte zum Zug und – war weg. Und ich bin im Jahr darauf, ich wusste nur, sie ist Schweizerin, ich weiß gar nicht, ob ich ihre genaue Adresse hatte, war ich in Luzern auf der Fassnacht, war da vier Tage unterwegs und hab immer gehofft, dass ich sie treffe. Obwohl sie nicht aus Luzern kam, aber ich dachte, na ja, ich bin ja auch extra nach Luzern angereist, und vielleicht ist sie ja da, ich hab immer son bisschen gekuckt und hab immer den schweizer Mädchen zugehört, wenn die – damals ham die immer gesungen: „Völlig losgelöst von dör Örde / chwebt ein Raumchiff / völlig chwerelos“. Und ich fand das so toll und hab immer an sie gedacht. Und sie war nicht da. Und ich hab ihr auch Briefe geschrieben, und sie hat nicht geantwortet … Etwa 27 Jahre später schreibt mich jemand über Facebook an und sagt: ach, schade, dass ich dir damals nicht auf deine Briefe geantwortet hab, find ich heute richtig schade. Ich hätte, ich hätte, sie hat’s nicht richtig erklärt, das gar nicht. Aber sie hatte wohl bemerkt, dass ich was von ihr wollte, körperlich. Und da hatte sie wohl ein bisschen Angst davor. Oder vielleicht davor, sich zu verlieben und dann einen Freund in Deutschland zu haben und die Distanz nicht überbrücken zu können, ich glaub, das hat sie auch erwähnt. Auf jeden Fall haben wir auf Facebook so’n paar Mal hin- und hergeschrieben und – ähm – das war schade. Ich hab sie da in Luzern gesucht. Ich hab immer an sie gedacht. Sie hatte die Briefe da liegen und hat nicht zurückgeschrieben. Dann Jahre später gingen dann so die Fantasien los. Wie war das damals, wie hat sich das angefühlt? Ich hab dann überlegt, ob ich sie mal treffen soll. Und dann dacht ich: nee, jetzt ist man so weit voneinander weg, hab so das Foto von ihr auf Facebook angeschaut und gedacht, ne, das sagt mir jetzt auch gar nicht mehr so viel und ist auch irgendwie weg. Dabei war’s damals so wichtig und so groß.


It was not happening

So. It’s all about gossip. If something’s not true, and you have gossip, you cannot fight it. So, I didn’t do a thing, I just was there and was missing to prevent. And suddenly, afterwards, you hear the stories. So it comes to me, like you have been raping a girl, you have been [?]… When I call these people, they say, no, oh, we don’t know anything … and every time you tell it, you’re apologetic, you try to proof that you didn’t do it. Cause it didn’t happen. It was not happening. Actually it brings [tunes?] you to the fact that when you have … yeah … anyway. Someday, you have to realize, you don’t have to defend yourself, you have to [unverständlich], just go away.


Nichts zu verbergen

Also die nächste Geschichte ist eigentlich erst vor ein paar Tagen passiert. Und zwar komm ich aus dem Haus … ist tatsächlich in Berlin … Ich komme ausm Haus, schließ mein Fahrrad auf, und da steht ein Polizeiauto, und ich geh ein paar Schritte, um mit dem Fahrrad zur Straße zu laufen. Da steht ein Polizeibeamter, nehme ich an, jemand in Zivil, sehr elegant gekleidet, Beigetöne mit einer beigefarbenen feuerfesten Weste – sehr seltsam der Anblick, weil, weil plötzlich – es war so surreal – der guckte mich ganz gerade ins Gesicht an, und ich hatte sofort das Gefühl, der ist da wegen mir. Und es ist halt ein heißer Sommertag, ich steig aufs Fahhrad, und ich denk, was will der, warum wartet die Polizei auf mich. Aber sie ham mich ja nicht aufgehalten. Also ich steig aufs Fahrad und fahr los und überleg mir dann aufm Fahrrad, dass die Polizei bei mir in der Wohnung Wanzen verteilt hat und auch an meinen Kleidungsstücken. Und in dem Moment, als ich das das überlegt hab, war mir dann auch klar, wahrscheinlich ham sie auch an meinem Schmuckstück, das ich anhatte, und an meinem Hut und überall, in allem, was irgendwie Hohlräume hat, irgendwo was – ein Abhör-Irgendwas versteckt. Um mich eben abzuhören. Und in dem Moment, als ich beschlossen hatte, dass das wahrscheinlich der Fall ist – es fuhren auch überall Polizeiwagen, an jeder Kreuzung waren Polizeiwagen, die entweder neben mir fuhren, mir entgegen kamen, um die Ecke kamen, überall Polizei. Also es wirkte wirklich so wie eine große Abhöraktion, dass die mir irgendwie also quasi folgen und immer übergeben an den nächsten Polizeiwagen. Gut. Ich also fahre weiter und fing dann an, laut zu sprechen, und dachte mir, heutzutage ist das ja eh egal, weil jeder, der ein Handy hat, heute ist das ganz üblich, dass Leute sprechen, man geht immer davon aus, dass das jemand ist, der gerad am Handy ist, also hab ich einfach laut vor mich hingeblabbert, während ich Fahrrad fuhr, und hab dann irgendwie so gemeint, ja, also ich wär sehr überrascht darüber, dass sie ihre Ressourcen so verschwenden, dass sie mich ausgerechnet sich ausgeguckt hätten. Ich könnte, in dem Moment dachte ich, das ist die eine Gelegenheit, dass ich diesen großartigen Satz loswerden kann: Ich habe ja nichts zu verbergen, macht ruhig weiter so, aber fand eben auch, völlig klar gesagt, ihr müsst selber wissen, was ihr mit eurer Zeit und eurem Geld macht, aber es ist wirklich ziemlicher Blödsinn, mich abzuhören. Weil, wenn ihr euch schon die Mühe macht, mich abzuhören, dann würd ich doch bitte auch darum bitten, dass ihr mir die Aufnahmen zukommen lasst. Denn ich würde gerne mir Sachen wieder anhören, die ich so erlebt hätte und auch Gespräche mir wieder anhören, die verlo …, die in dem Sinne nicht archiviert sind oder nur in meinem Gedächtnis archiviert sind. Hab ich also, so auf dem Fahrrad hab ich also dem Geheimdienst oder wer immer das ist, der mich da abhört, die Polizei gebeten, mir doch bitte diese Geschichten, die Aufnahmen zukommen zu lassen. Das andere ist, ich bin ledig und fünfzig und hab einfach auch gedacht, vielleicht sind sie auch dabei, hören sie mich ab, weil sie mich rekrutieren wollen, als Spionin. Und dann war eigentlich die nächste Überlegung die, dass es völliger Schwachsin wäre, mich als Spionin zu engagieren, weil ich überhaupt nichts für mich behalten kann. Das heißt, das war dann das nächste, dass ich irgendwie sagte, ja, ihr könnt dann ja wunderbar hier mich abhören und das verschwenden, aber auch, weil ich quasi rein demographisch, ledig, ohne Kinder, äh irgendwie, ich bin die perfekte, von meinen Umständen her, vielleicht die perfekte Spionin, aber als Persönlichkeit eben vollkommen ungeeignet. Na ja, ich hab nichts von denen gehört. Ich will mich hiermit eigentlich auch beschweren, dass ich noch überhaupt keine Lebenszeichen gehört hab, ähm, kein nichts von denen gehört hab, weil ich eben so gerne die Aufnahmen hätte. Und auch endlich sehr gerne wüsste, wie sie auf mich gekommen sind.


Kiffer-Variationen

Also. Als ich neun Jahre alt war oder zehn, ich glaube neun Jahre alt, war ich mit meiner Mutter und meinem Stiefvater bei einer Party von Freunden von ihnen. Da bin ich gerade umgezogen nach Brandenburg und hab mit den Jungs Verstecken gespielt, den Kindern von den andern Eltern. Und die haben mich halt irgendwie so geärgert, weil ich das nicht kannte, und ham so von den Doofen son Lied über mich gesungen. Die waren schon so n bisschen fies, kann man sagen. Einer von den Jungs, das war ein Waisenkind, das adoptiert worden war von denen, wo die Party stattfand. Der Vater oder der Adoptiv-Vater von dem einen, hat mir mal vorher gesagt, dass ich darauf Rücksicht nehmen soll, dass er keine Eltern hat. Und jedenfalls haben die mich so richtig richtig geärgert, vor allem dieser eine Junge, und ich war richtig sauer, und irgendwann hab ich dann vor versammelter Mannschaft gesagt, ähm, zu ihm, wo sindn deine Eltern, ich hab die gar nicht gesehen, und bin dann weitergegangen. Da hab ich mich dann sehr geschämt dafür danach und wurde auch ausgemeckert, aber ich wurde halt auch echt gemobbt so. Ich hab mich trotzdem sehr geschämt dafür, für dieses Verhalten … ach so, hier sind ja noch mehr Fragen. Bist du schon mal einem Geist, dem Tod, einem Engel begegnet? Ja. Ja, auf jeden Fall. Ich hab mal [unverständlich] wo man Tote oder Geister sieht … als erstes hat man ein Feld um sich herum, und man muss quasi so tun, als würde man es sehen, es entsteht dann immer so ne Actionkasskade, das heißt ich sag jetzt, jetzt siehst du das Feld. Und dann ham wir das aufgebaut, diese Felder, und irgendwann sind wir dann in so nen verlassenen Hinterhof gegangen und haben halt sozusagen diese energetische Struktur sozusagen [unverständlich] … ich hab ihn dann innerhalb von zehn Minuten sozusagen Empfindungs-sozusagen-energie aufgebaut. Ich hab das selber erst entdeckt in dem Moment. Da gibt’s so n Radar, da [unverständlich] elektromagnetische [unverständlich] in der Seele und kann damit sozusagen das Feld scannen. Und ähm, und ähm, genau, wir ham halt auch Geister gesehen, aber wir ham uns natürlich immer … aber wir konnten sogar gemeinsame Geister sehen und es gemeinsam feststellen. Aber das Ding ist halt, das ist so zusagen wie ein zweites Bewusstsein, in dem Moment warn wir immer vereint. Aber aufm Friedhof warn wir mal gewesen, und da ist dann so n Geist untergegangen, so unter die Erde so, wie so n Wurm rein. Wir ham es beide mitbekommen. Das war schon krass. Und je länger ich drüber nachdenke, desto mehr sehe ich das auch so. Genau. Dem Tod, einem Engel begegnet. Die Kraft von Jesus ist mal in mich gekommen. Ich saß nackt im Bett und hab Chesus Christus gesagt, Chesus … – ich bin nicht Christ, komme ausm Osten, das is [unverständlich] – und in dem Moment, wo ich so Chesus Christus, ist in mich so ne Kraft gefahren, ne Art, ähm, so ne Art – die Kraft der Liebe, aber sehr stark so, sehr vertikal, ging durch mich durch, und es war sehr, sehr intensiv und es – ja – pff. Ich hab deswegen so ne undogmatische Verbindung zu dieser Kraft, irgendwie, aber ich bin trotzdem nicht getauft und will das auch nicht. Okay. Bäume umarmen mich manchmal, und ich liebe mich mit Bäumen … äh … die merkwürdigsten Momente deiner Kindheit … Es gibt ne Story über mich, dass ich, als Kind war ich mal im Zimmer, und dann sind meine Eltern raus gegangen, und als ich wieder rein, also als die Eltern wieder rein kamen, also meine Mutter rein kam, da saß ich auf der zwei Meter hohen Schrankwand, und keiner weiß, wie ich da so hoch gekommen bin, und ich hab das Gefühl, dass ich vielleicht fliegen konnte als Kind, und das wär echt cool, ehrlich gesagt, ich glaub ja an so ne Scheiße … schon mal nem Geist begegnet, dem Tod nicht, ich glaub nicht an den Tod … [unverständlich] Gibt es etwas, dass du an dir überhaupt nicht leiden kannst? Ja, also, ich hab das Problem, dass ich auch ohne Vater aufgewachsen bin, und deswegen habe ich immer das Gefühl, ich müsste mich vor anderen Menschen in Szene setzen, von den andern Beachtung bekommen, vor allem bei bestimmten so Menschen, die sehr stark in ihrer Person sind, die man sympathisch findet, ich will immer so Daddy-Bestätigung haben, von den Leuten, ja und das fällt mir immer sehr schwer. Außerdem kiff ich … also nicht sehr viel, aber im Verhältnis zu andern, die gar nicht kiffen, zu viel, aber das ist auch nicht so schlimm. Oder na ja, vielleicht doch, ich weiß es nicht. Aber ich mag mein Leben so, und es gibt auf jeden Fall ein Leben nach dem Tod, das kann ich euch, das schwör ich. Ich hab ja mal als achtzehnjähriger hab ich zehn Tage ne Offenbarung Erleuchtung gehabt und hab tagelang die goldene Bilderspirale gesehen. Das kann man auch bei William Blake sehen, und auf den Bildern von William Blake, das war ein schönes Ereignis, und möge die Liebe Gottes mit euch allen sein, und keine Seele ist verloren. Tschüss.


Brain damage

I love a man with brain damage. He acquired a brain damage during a car crash when he was eighteen. He’s thirty-eight, now. This brain damage leads to having temporal lobe epilepsy. Temporal lobe epilepsy can have very different followings, but for him, it makes him hyper-everything, hyper-sensitive, hyper-romantic, hyper-intense, hyper-needy, hm, hyper-spiritual. And this is, it leads to having the most magical moments, but also the most problematic ones. I want to tell the story of his car crash and his life, actually, because it’s really quite extraordinary. He comes from a very poor family and a single mother … (bricht ab)


Kleine Maus

Also vor ein paar Jahren war ich mit einer Freundin von mir im Urlaub in Kroatien, und wir waren auf einer Insel, die gefüllt war mit Menschen, die, ja, so Partyleute gewesen sind. Wir wollten uns eigentlich nur ein bisschen entspannen, aber es war ein recht überwältigendes Erlebnis. Wir sind dort gelandet, und überall waren Menschen, die wild feierten, viele reiche Menschen auf großen Yachten, und abends sind wir am Hafen langeschlendert und haben uns nicht so ganz wohl gefühlt … Auf einmal sehen wir im Dunkeln was auf dem Boden rumhuschen, und es ist ne winzig kleine Maus. Und wir sind gerade direkt neben einem riesigen Partyboot voller junger Leute, die alle wild am Feiern sind, und irgendwie schaffen es alle Leute trotz der Dunkelheit, diese Maus zu erkennen, und alle Leute sind so: Oh, da ist ne Maus! Da ist ne Maus! Und zeigen auf die Maus und freuen sich oder ekeln sich. Diese kleine Maus läuft da die ganze Zeit nur so auf dem Boden herum, und ich habe es irgendwie auf mich genommen, diese Maus retten zu wollen, und hab mich vor die Maus gestellt, wollte diese Maus beschützen, bevor die noch im Dunkeln totgetrampelt wird, komm dieser Maus näher und will sie gerade hochheben, um sie irgendwo anders hinzutragen, als sie unter meinen Schuh hüpft und ich just in diesem Moment auf die Maus drauftrete. Und das war natürlich aus zwei Gründen schlimm: Der erste Grund natürlich, weil ich die Maus mit einem Schwups getötet habe, obwohl ich eigentlich das Gegenteil machen wollte. Der zweite Grund, warum das eine so schlimme, traumatische Situation für mich in dem Moment war, war, dass das gesamte Partyboot über mich gelacht hat und auf mich gezeigt hat und gerufen ha: Oh Gott, jetzt hat sie die Maus umgebracht! Und das war mir äußerst peinlich, ich konnte ja auch nicht einfach so entkommen oder mich verstecken. Ich musste dann aus dieser Menschenmenge hinaus, ich hab dann noch diese kleine, platte Maus ins Wasser hineingeworfen und sie im stillen Geiste beerdigt. Aber ja, das war keine schöne Situation. Ich hab das überhaupt gar nicht gern, wenn Menschen über mich lachen, und ich hab mich sehr sehr unwohl gefühlt, und das hat auch meinen Urlaub ein paar Tage beeinflusst, und ich konnte da überhaupt gar nicht gut mit umgehen … Ja, das war keine schöne Geschichte, aber es ist schön, sie jetzt hier im Stillen anonym zu erzählen. Okay.


Nicht mehr seine Tochter

Okay. Meine Geschichte ist mit vierzehn passiert, glaube ich, ist nicht so wichtig. In jedem Fall nach vierzehn, da war ich n bisschen bitchy unterwegs. Meine Mutter war gerade gestorben, und ich weiß nicht, was ich da gesucht hab, aber ich hab halt, naja, mit vielen Jungs geknutscht, zum Glück nichts Schlimmes, ich war ja noch jung, war ja nicht so gefährlich bei uns in der Gegend, und ich weiß noch, dass ich an Karneval einmal unterwegs war, mit vielen Freundinnen, die durften alle bei mir übernachten, mein Vater war auch nicht so streng, oder es hat ihn nicht interessiert, ich weiß es nicht. Wir haben uns gefreut, dass wir Freiräume hatten. Wir waren auf dieser dämlichen Dorfparty und irgendwie – ich war total betrunken und ich weiß nicht mehr, wie’s genau gekommen ist … ich war da mit irgend so nem Typen, mit dem ich erst geknutscht hatte, draußen vor diesem Zelt auf so nem Spielplatz auf ner Schaukel, und der hat die ganze Zeit versucht, mich zu begrapschen, und es war irgendwie schmeichelhaft und schlimm gleichzeitig. Meine Freundinnen, auch ne ganz komische Sache, die sind irgendwie einfach dann nach Hause gegangen zu mir und dachten, ich bin vielleicht da oder irgenwie ham se dann … also ich weiß eigentlich auch nicht mehr, warum sie gegangen sind. Und als sie dann ankamen, hat mein Vater irgendwie, ist dann doch wach geworden und hat gefragt, wo ich bin, und alle so: Die wollte noch bleiben. Ich weiß nicht, ich hab mit ihm nicht drüber gesprochen. Jedenfalls ist er dann dorthin gekommen und hat mich auf diesem schäbigen Platz gefunden, auf ner Schaukel, meine Strumpfhose, glaube ich, ganz derangiert. Ich sah bestimmt ganz schlimm aus und hab diesen Typen dann noch selber weggeschickt, ich weiß es gar nicht mal mehr. Und dann sind wir schweigend nach Hause gegangen, haben nie wieder darüber gesprochen, und ich hab das Gefühl, an dem Tag ist irgendwas kaputt gegangen, weil ich seitdem nicht mehr, ja, körperlich anders behandelt wurde. Nicht mehr wie die Tochter, der man auch mal so … die man auch mal umarmt oder der man auch mal den Rücken krault oder so, sondern anders. Als wenn ich irgendwie ne andere Person geworden wäre. Nicht, dass das jetzt alles schlimm wäre. Es ist nur … manchmal denk ich, dass es in diesem Moment passierte, dass er mich nicht mehr als seine Tochter gesehen hat, sondern als … so ein schlimmes weibliches Wesen … ich weiß nicht. Naja. Das ist meine Geschichte.


Auf krummen Pfaden grade

Die Geschichte, die ich zu erzählen habe, die ist in zwei Teile aufgegliedert. Einer, da war ich vielleicht so sechzehn, da war ich im Urlaub in Korsika mit meinen Eltern und sah dort ein sehr schönes Mädchen mit ihren anderen Freundinnen auf der … Luftmatratze, und auf jeden Fall ham wir uns dann kennengelernt und ineinander verliebt, und sie wohnte fünfhundert oder vierhundert Kilometer entfernt von meinem Zuhause in Deutschland, und wir ham dann, ja, es war, glaube ich, mein erstes wirkliches großes Verliebtsein, und wir hielten dann E-Mail-Kontakt. Und es war sehr verliebt, der ganze Austausch, aber auch sehr dramatisch gleich, weil da gab’s eine ominöse sehr gläubige Mutter im Hintergrund, die ihr alles verbieten wollte, was nach Freiheit roch, und eben dann auch so eine verliebte Tochter war nicht gewünscht. Und letztlich haben wir uns dann nicht gesehen. Das hat mir, glaube ich, einen sehr großen Herzschmerz bereitet, auch wenn ich’s dann verdrängt hab. Es kann auch sein, dass ich infolge dessen dann auf die wilde Bahn geraten bin, auch ein bisschen viel gekifft hab und unkonventionelle sexuelle Erfahrungen gemacht habe und … Geld verdient habe damit, allerdings nur bei einem Menschen, der dazu bereit war. Und ja … das hörte dann irgendwann auf, nachdem es alles viel zu wild wurde, und ich ging dann inne größere Stadt. Ich bin ursprünglich ja vom Dorf, und ich hab dort, in der großen Stadt, meinen Zivildienst gemacht, die viertgrößte Stadt Deutschlands, und hab dann da immer noch gerungen mit meiner Marihuana-Abhängigkeit, seelischen, und war dann immer in so Phasen viel am Kiffen und dann wieder gar nicht, immer so zwei Wochen im Monat gekifft, zwei Wochen nicht. Ich hab dann da auch ne Frau kennengelernt, die ich toll fand und in die ich vielleicht auch ein bisschen verliebt war, und parallel dazu, ich war so stark, glaub ich, auf der Suche, endlich mal ne Freundin zu haben oder ne Frau zu finden, ich merkte ah, wenn ich jetzt so’n bisschen anders bin, dann haben die Frauen ja auch Interesse an mir und finden mich schön. Das hatte ich als Jugendlicher nie so richtig gehabt, bis eben bei diesem Erlebnis mit fünfzehn. Und auf jeden Fall hab ich dann parallel zu diesem Kennenlernen der Frau, der einen Frau, dieses Mädchen eben, das ich kennengelernt hatte mit fünfzehn und nach fünf Jahren, die ich an sie gedacht hatte, kontaktiert, ich hatte ihre E-Mailadresse, und dann haben wir uns gesehen. Parallel eben lief dazu die andere Geschichte mit dem anderen … mit der anderen Frau. Und dann haben wir uns gesehen. Ich hatte schon abgemacht, dass ich zu dieser anderen Frau fahren werde, dann aber dieses fünfzehn, damals fünfzehnjährige Mädchen wiedergesehen. Ich fand sie immer noch sehr sehr schön. Ihre Mutter war nicht mehr so präsent, aber jetzt war sie sehr gläubig geworden und, ähm, gottesgläubig und vielleicht auch n bisschen dogmatisch, und wir haben uns dann geküsst, und mich hat der Kuss, glaub ich, verwundert, weil er war so leidenschaftlich, und ich konnte das nicht ganz zusammenbringen, so’n starken Gottesglauben und so nen leidenschaftlichen Kuss … Auf jeden Fall fuhr ich dann wieder von ihr und bin zu dem anderen Mädchen gefahren, zu der anderen Frau, hab dann auch im Zug ganz komisch irgendwie Leute getroffen, mit denen ich ne Nase Koks gezogen hab, das hätt ich wahrscheinlich, wenn ich das nicht getan hätte, wär alles anders gekommen, denk ich manchmal, und hätte … hätte nicht mich einfach so mit der anderen Frau getroffen, sondern hätte diesen Kuss wirken lassen, hätte mich mit meiner Jugendliebe vereint nach langer Zeit. Naja, das ist dann nicht so geschehen, weil ich ihr dummerweise meinen E-Mailaccount genannt habe, weil sie irgendwie was nachschauen musste und ich kein Internet hatte, als wir mal telefonierten. Und sie hat dann da geschnüffelt, sozusagen, und festgestellt, dass ich auch Kontakt mit ner anderen Frau hatte. Und manchmal … ja, der Kontakt wurde dadurch abgebrochen. Und manchmal nachher fragte ich mich noch, warum ich das so gemacht hab, also was da los war, und aber ja … letztlich merk ich jetzt im Erzählen, dass trotzdem mich mein Weg dorthin geführt hat, wo ich jetzt bin, mit meiner heutigen, jetzigen Frau. Wir erwarten Zwillinge. Also nicht die, die ich damals in der großen Stadt dann kennenlernte, zu der ich dann fuhr, nachdem ich die eine geküsst hatte, sondern ne ganz andere Frau, neue Frau, ich bin jetzt schon n paar Jahre älter und … ja … vielleicht führt einen das Leben doch auf sehr undurchsichtigen Pfaden dorthin, wo man hinkommen soll und will. Also das Leben geht auf krummen Pfaden grade, um meinen Vater frei nach den Beatles zu zitieren.


Rumour

Okay. Hier kommt eine schmutzige Geschichte. About embarrassing moments. It’s in three parts. Part one. I travel a lot between Prague and Brussels. And sometimes the times are very very very awkward. So. I was staying at the first place with somebody I know for just exactly one hour, because we went out and had dinner. Just a friend, you know, a girl, and no problem, ja. We went out … and we go to her room, and I’m sleeping on the couch. We arrived two o’clock at night, and I had to go three o’clock at night again. So, what happened was, that I didn’t sleep. I didn’t undress. I was just sitting on the couch, reading. Part two. The taxi arrives, calls me up, I go down, but there was an inner gate that was closed. So I run up again, go to her bed, she was sleeping deeply, tap on her shoulder, wake her up softly and saying, look, the gate is closed. She got up, frightened, she looks around, says, I’m not, I’m not, I’m not that kind of a person. I said, no, just the keys. The taxi is waiting. Part three. Months later. Months later there is the rumour that I must have jumped in somebody’s bed and forced sex upon her. I call her up and say, that that was not the story. No, I didn’t tell this. It seems, that another friend that is not my friend anymore is spreading these rumours around. What can you do about it? Nothing. It didn’t happen. Everybody knows it didn’t happen. Even when I tell it, it looks as if I have to justify myself for something I haven’t done. I wish I had done something! It’s totally irritating. Disbelieve in everybody’s eyes. And the rumour spreads on. Thank you.


Verbranntes Haar

Meine Geschichte heißt: Verbranntes Haar. Und es ist folgendermaßen. Ich bin in einem kleinen Wallfahrtsort am Niederrhein geboren, der heißt Kevelaer. Und alle, die dort wohnen, fast alle, ich würde sagen 98 Prozent, damals zumindest in den Siebziger- oder zu Anfang der Achtzigerjahre gehen ordentlich zum Kommunion. So war auch mein Tag gekommen, und die Erstkommunion stand vor der Türe. Das erste, was schon etwas andersartig war, was mir aber erst im Nachhinein oder derweil aufgefallen ist, dass alle Mädchen diese tollen Prinzessinnenkleider getragen haben, alle in Weiß, und dass meine Eltern sich gedacht haben, ach was für’n Quatsch, so’n Kleid in Weiß, das trägt das Kind nie wieder. Sie kriegt was schönes, aber was, was sie noch tragen kann. So trug ich einen violettfarbenen Cordrock mit einer Blume in Beige mit kleinen feinen Blümchen drauf. Meine Haare sind gelockt und auch damals schon gewesen, und ich hatte einen Pony, der natürlich auch so ein bisschen Wellen schlug. Damals war es üblich, vielleicht auch heute noch, dass wir im Verlauf der Messe an diesem heiligen Tag sozusagen mit einem Pulk, oder nennen wir es Pulk, es waren vier oder sechs Mädchen, die in einem Gang entlang bis vorne zum Altar marschieren und jede eine Kerze in der Hand trägt … sodass auch alle sehen können, das sind jetzt ein Teil der neuen Erstkommunionsanwärterinnen … Und dann hatten wir das auch geprobt, einen Tag vorher, und der, der uns da anleitete, auch ein Mensch der Kirche, sagte dann, ja, bitte achtet darauf, dass ihr die Kerze nicht zu nah ans Kleid eures Vordermädchens haltet, damit dies nicht Feuer fangen kann. Das habe ich sehr genau gehört und habe dann in dem Moment, als wir dran waren, die Kerze eben auch wirklich nicht nah ans Vordermädchen, sondern n bisschen näher an mich gehalten. Und mit einem Mal hab ich bemerkt, wie – es war zunächst eigentlich nur das Geräusch, dass irgendwie, so’n mir fremdes Geräusch sehr sehr nah an meinem Kopf oder Ohr zu hören war – und im nächsten Bruchteil einer Sekunde habe ich bemerkt, also ich wusste es dann: Ich brenne. Es war ganz klar. Ich hab die Kerze zu nah an mich dran gehalten, um halt das Vordermädchen nicht in Flammen zu setzen, und jetzt brannte ich selber. Und als es mir gewahr wurde, hat auch schon dieser Herr, der uns da angeleitet hat und mit uns ging, mir ne schallende Ohrfeige verpasst, denn mein Pony war’s, der gebrannt hatte, und damit war dann auch der Großbrand gelöscht. Ich lief dann weiter tapfer mit den Mädchen nach vorne zum Altar und konnte mich dann wieder zu meinen Eltern setzen und war so’n bisschen verstört oder irritiert, weil a hatten’s alle gesehen, dass die Kleine gebrannt hatte, und das Brennen von Haaren ist ein enormer Gestank. Das kam noch dazu, dass ich diesen Gestank überhaupt nicht aus meiner Nase wegbekam und immer wieder mit meinen Händen durch mein Pony gefahren bin, um zu merken, was ist noch da. Es war noch genug da, aber es war einfach eine merkwürdige Situation, die ich nie vergessen werde: der Tag meiner Erstkommunion in der Kirche mit Feuer, interessantem Geräusch und verbranntem Haargestank.


Waldgegend mit Mond

Ja, als ich so zwölf dreizehn war, da sind wir in ein neues Haus gezogen. Und damals ging das da noch so um, was du in der ersten Nacht träumst, das geht später mal in Erfüllung. Und ich war total aufgeregt, und meine Eltern warn an dem Abend bei Freunden für zwei Stündchen, und ich bin dann schon ins Bett und hatte bisschen Angst, aber egal, dann bin ich eingeschlafen und dann hatt ich einen total skurrilen Traum von, ich bin irgendwie … war so ne Waldgegend … und vor mir lief irgendwie ein großer Mann mit nem Mantel lang, und es kam dann noch so’n Hund uns entgegen, so ne Art Wolf, und irgendwie war der Mond am Scheinen und so und das war alles recht spooky. Und dann bin ich aufgewacht und hatte total Angst. Und dann ungefähr, jetzt muss ich mal nachrechnen, ja, ungefähr fünfzehn Jahre später war ich mit nem Freund abends mitm Hund spazieren, und der Mond schien, und wir sind so annen See hingelaufen, und er hatte halt n langen Mantel an, und er war auch ein sehr großer Typ. Es war genau das Bild, das ich halt gesehn hatte, als ich, also da in dem Traum, was ich geträumt hatte, als ich dreizehn war. Es war dann genau da, dieses Bild, also es ist dann tatsächlich in Erfüllung gegangen und war dann eigentlich überhaupt nichts schlimmes, weil es war ja ein Freund, und es war dem sein Hund. Wie so’n weißer Wolf sah der aus, und der Mond schien, und es war eigentlich ne ganz schöne Sache. Und in dem Moment hab ich ihn dann halt voll umarmt so, oh schön … hat ja alles ganz gut sich aufgelöst, weil den Traum hab ich wirklich lange mit mir rumgeschleppt und – genau. Also, als Kind glaubt man halt an solche Sachen. Genau. Das war’s schon.


Olaf

Als Kind war ich winzig und schwächlich. Sogar die Schlägertypen bei mir in der Klasse, die haben mich in Ruhe gelassen. Die fanden mich einfach nur niedlich. Und bei uns in der Klasse war Olaf. Das war der, der gemobbt wurde. Der hatte überhaupt nichts zu lachen mit den Schlägertypen. Und irgendwann, das war vierte Klasse, da hat der so richtig Klassenkeile gekriegt, an nem kleinen Waldstück bei uns an der Schule, in ner Mulde, da ham sie ihn alle verhaun. Ich stand daneben, stand oben dran an der Mulde und hab mir das angeguckt. Und am Ende sind sie alle weggegangen, und Olaf lag da. Und da bin ich runter gegangen zu ihm und hab ihn auch getreten. Und dann bin ich rauf gegangen und war irgendwie stolz: Endlich hab ich sowas auch mal gemacht. Aber dann haben Andy und Monika mir gesagt, das hätte ich niemals tun dürfen.


Consumerist strangle

What I carry on my mind is … is heavy. Is that I got swalloed by this money driven world. I feel scared to go back to my country, England. I’m getting lost in a consumerist strangle. But I have a useful husband, getting a dog. I will try to look outside as much as possible.


Alpenmonatswalderdbeeren

Also, eine Geschichte, die ganz schlimm anfängt. An einem ersten September war es, da wurde ich von einer Wespe gestochen. Ganz schlimm! Ich musste ins Urban Krankenhaus, weil ich allergisch bin gegen diese Stiche. Und nach vier Stunden Behandlung durfte ich wieder nach Hause und war total hungrig. Mein lieber Mann hat etwas zu essen vorbereitet – und just in dem Moment, als wir essen wollten, gab es ein lautes Rauschen in dieser Wohnung. wir sahen, dass in einem Zimmer wie ein Wasserfall das Wasser herunterschoss. Im anderen Zimmer auch! Wir schöpften mit Eimern das Wasser aus der Wohnung – wir wurden nicht Herr. Wir haben dann den Hausbesitzer angerufen. Der hat gesagt, wir solln nach oben gehen. Wir solln gucken, was da los ist. Dann haben wir nach einer Weile die Feuerwehr angerufen, und ehe wir uns versehen konnten, war diese Wohnung zerstört. Außer der Küche und dem Badezimmer war alles vom Wasser innerhalb weniger Stunden zerstört.

So wohnten wir dann eine Weile bei Freunden, weil wir nicht wussten, wie’s weitergeht – und waren auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Diese Wohnung lag dann nicht mehr in der Bouchéstraße in Treptow-Köpenick, sondern in Neukölln, in der Fuldastraße. Und, das war eine wunderschöne Parterrewohnung. Aber außen herum war lauter Müll, Unrat, Glas; keine Mensch hat sich für diesen Hinterhof interessiert. Wir, noch voll des Schocks, mussten erstmal wieder neue Sachen kaufen: Betten, Schränke, Stühle, Tisch, Kleidung – alles mögliche. Und als der erste Schock vorbei war, kam der nächste Schock: Nein, die Versicherung zahlte nichts! Es war ein sogenannter Elementarschaden durch einen Wasserschaden, der durch Starkregen entstanden ist. Und so hat die Versicherung es geschafft, sich davor zu drücken. Die Kaution wurde auch nicht bezahlt, wir hatten einen wahnsinnigen finanziellen Verlust, aber wir hatten diese Wohnung, die wir am 11. September 2008 bezogen. Und nach diesem zweiten Schock musste ich erstmal tief durchatmen – und dann hab ich gedacht: naja – wir werden jetzt aus diesem Hinterhof ein kleines grünes Paradies machen. Und jetzt sitz ich fast jeden Abend bei diesem schönen Wetter in meinem kleinen Paradies, eine Nachbarskatze kommt uns besuchen, die wir füttern, und ein kleines Kind spielt mit seinem Ball mit mir, mit meinem Mann, mit den anderen Nachbarn, und das Allerleckerste ist: Es gibt viele Alpenmonatswalderdbeeren und die werden immer Stück für Stück vernascht.


Geburtstag

Ich begab mich auf eine Reise, die mich unter anderem nach Osteuropa führte und nach Bulgarien. Dort war ich in einem Hostel in Sofia. Und … der Freund mit dem ich reiste, war dann weitergefahren nach Istanbul, wo ich ihn später auch traf, aber ich war insgesamt eine Woche in Sofia und habe dort eine junge Engländerin kennengelernt, mit der ich sehr viel Zeit verbrachte und die Stadt erkundete und … an einem Donnerstag war es damals mein Geburtstag, mit anderen Gästen des Hostels sind wir abends ausgegangen, und jedem war klar, dass ich, dass ich und dieses englische Mädchen, dass wir eigentlich viel Zeit verbringen und dass ich auch sie sehr gerne mochte. Deswegen … ja. Es war mein Geburtstag, alle wollten eigentlich, dass ich den Schritt, den nächsten Schritt mache, dass wir zusammenkommen … und ich war auch sehr zuversichtlich. Wir sind dann vom Hostel losgezogen in die erste Bar, später in die zweite, sind dann in einen Club gegangen. Das englische Mädchen – ich hab ihren Namen vergessen, aber sagen wir, das war Imogen, und Imogen und ich, wir unterhielten uns weiter gut und irgendwann waren wir auf der Tanzfläche, und Imogen tanzte toll und war wunderschön … fing dann aber an, mit einer, mit einem anderen Mädchen zu tanzen und … ich dachte mir nichts dabei … und … ja … irgendwann hat Imogen sich dann mit dem Mädchen geküsst, und ich stand daneben und merkte in dem Moment, dass sie gar nicht, dass während der ganzen Tage, die wir zusammen verbracht hatten, dass sie gar nicht … ja … an mir interessiert sein konnt – vielleicht wär sie noch bisexuell gewesen – aber sie war auf jeden Fall … ja … hatte diesen Moment mit diesem anderen Mädchen, und das war ein trauriger Moment für mich. Und … ja … am nächsten Morgen, es war klar, dass es unsere letzte gemeinsame Nacht ist, sind wir nach Hause, sind wir zum Hostel gegangen, weil sie dann weiter, zurückgeflogen ist, und ich quasi, an diesem Abend, der sehr hoffungsvoll gestartet hatte, und ich dachte, an meinem Geburtstag da wird diese Bekanntschaft mit Imogen … ja … richtig Fahrt aufnehmen, der dann mit dieser herben Enttäuschung endete. Naja, und die Leute, die ich so kennengelernt hatte und die mit der Zeit zu meinen Freunden geworden sind, hatten mich dann auch sehr bemitleidet. Aber das möchte man natürlich auch nicht an seinem eigenen Geburtstag. Das war die Geschichte von mir und Imogen in Sofia in Bulgarien.


Der Tag in der Hütte

Ich war in der Grundschule, ich weiß nicht, vielleicht zweite Klasse oder sowas, und wir haben einen Ausflug gemacht, in den Wald, in den Wald zur Mühle. Und aufn Spielplatz, und alle waren superfroh – „Ja, wir sind im Ausflug!“ – und ich und meine Eltern, ich mit meinen Eltern, wir haben am Waldrand gewohnt, und ich hab mit zwei Freunden, hab ich denen erzählt so: „Oh ja, meine Nachbarn, die haben ne Hütte, wir gehen da jetzt hin, ich weiß den Weg, ich weiß den Weg!“ – und hab sie dann so von unserem schönen Klassenausflug durch den Wald so ungefähr zehn Minuten zur Hütte von meinen Nachbarn geführt, und wir haben einen großen Spaß gehabt und in der Hütte gespielt. Währenddessen ist natürlich irgendwann den Lehrern klar geworden, dass wir nicht mehr da sind … und die haben sich natürlich größte Sorgen gemacht. Ich hab keine Ahnung mehr, wie wir wiedergefunden worden sind, ob wir zurückgegangen sind oder ob meine Eltern uns gefunden haben oder wie das war … Auf jeden Fall gab’s danach natürlich Ärger und sonstwas, und wir mussten, wir mussten Entschuldigungen schreiben oder eine Liste von Sätzen, was wir nicht machen sollen, also: „Ich darf nicht das!“, „Ich darf nicht das!“, wie Bart Simpson auf der Tafel … und ich hab dann meiner … „Ich soll mich nicht von der Gruppe entfernen!“ – no no no no no. Und irgendwann meinte dann meine Mutter so, boah, Anna, was du doch auch noch sagen musst, ist: „Ich darf mich nicht anstiften lassen von andern!“ Ich so: „Ja, ja, das is ne gute Idee!“ und hab damit, hab das dann aufgeschrieben: „Ich darf mich nicht anstiften lassen!“ Und so haben dann alle gedacht, dass es die Idee von den Jungs war. „also die Kleine, die ist ja viel zu lieb dafür, das geht ja gar nicht!“ Und ich hab bis heute ein kleines Bisschen ein schlechtes Gewissen, dass ich dadurch, durch mein Entschuldigungsschreiben, quasi die Schuld den anderen in die Schuhe geschoben hab. Aber der Tag in der Hütte war toll. Das muss ich bis jetzt sagen.


Entscheiden

Ich hab mich immer gefragt, warum ich mich so schlecht entscheiden kann. Ich hab immer ein Problem damit, mich zu entscheiden und die Dinge anzugehen. Und ich schaffe es nicht, sozusagen, meinen ganz eigenen Zielen zu folgen und auch Ziele zu setzen. Das betrifft alles, also es betrifft auch durchaus meine Beziehungen, Arbeitsleben und so weiter, also es gibt sozusagen immer ein Problem, eigene Ziele zu setzen und Vertrauen zu haben, dass es mal gut läuft … und ich hab darüber viel nachgedacht, darüber nachgedacht, was der Grund ist, und ich glaube, ich glaube, ein Grund liegt darin, dass ich als kleines Kind in einer Wochenkrippe war, dass meine Eltern mich nach sechs Wochen, sieben Wochen, acht Wochen, zwei Monaten, ich weiß es nicht genau, dann in eine Wochenkrippe gegeben haben. Meine Mutter hat mir erzählt, dass ich immer sehr geweint habe, dass ich dann aber glücklich gewesen sei, am Wochenende wieder bei ihr zu sein, und aber am Montag früh ging’s wieder los, wieder eine Woche … Und sie hat mir mal erzählt, dass es gut gegangen sei, das kann alles sein, aber ich glaube, das hat doch mehr bewirkt in mir, als ich, als mir lieb ist, und letztes Jahr hatte ich ein seltsamen, ein seltsames Erlebnis: Mein Vater hat mir – mein Vater war ein akribischer Mensch, der hat Tagebuch geführt über sein Leben, aber ich war natürlich nicht Bestandteil seines Lebens, so dass ich also jeden Tag meines frühen Lebens auch nachvollziehen kann in Tagebüchern … Das ist einerseits schön, aber es ist auch irritierend. Und neulich hat er mir ein Tagebuch gegeben mit meiner Geburt, und ich hab mir das durchgelesen. Ich hab mich als kleinen Jungen plötzlich gesehen und weinen Montag früh, wie ich in die Kinderkrippe ging, in die Wochenkrippe, und ich hab gelesen, halt wie mein Vater, weil er’s auch nicht besser wusste – ja, er hat auch geschildert, dass es ihm auch leid tat, dass sie aber das nicht ändern konnten, nicht dazu in der Lage waren mit dem Büro, und ich hab jetzt überlegt, das ist eigentlich ne Erfahrung, die in den ersten zwei Jahren, das ging dann eineinhalb Jahre, dass ich in dieser Krippe war, jede Woche, dass ich da auch Laufen gelernt hab und so, und das eben nicht mit meinen Eltern … und dieses Urvertrauen, das ist irgendwie weg. Also ich glaube, das hat ganz viel an meinem Vertrauen zerstört. Wie geht man in die Welt? Ist man hoffnungsfroh und nimmt sich der Dinge an? Und so weiter. Ich hab den Eindruck, das wirkt heut noch nach. Und so bedrückt mich das auch. Und dieses Tagebuch! Ich weiß noch, ich bin dann nach Hause gekommen, es war genau vor einem Jahr im Juni und habe ins Tagebuch geguckt und habe es eigentlich als nen kleinen Schatz empfunden, den ich, wo ich sagt, das ist interessant … das jetzt zu lesen, wer hat das schon? Seine eigene Geburt. Meine ersten Tage dezidiert beschrieben. Aber letztlich war ich eigentlich ganz traurig, als ich das gelesen habe. Und es hat mich immer trauriger gemacht, und ich hab auch seitdem nie mehr reingeguckt … Ich werd’s auf jeden Fall nochmal machen. Ich hab auch die anderen Tagebücher. Hm. Ich weiß nicht, ob ich’s wissen will. Aber ich glaube, dass da, da irgendwie der Grund darin liegt, dass ich zwischen den Stühlen immer bin, zwischen den Stühlen. Das ist, ich glaub, zur Zeit auch so’n bisschen wie die Reise nach Jerusalem. Du rennst und du nimmst’n Stuhl weg. Oder: Man rennt und kann sich nicht hinsetzen. Ja, so ist das.


True story

My ex-boyfriend turned gay, while he was dating me … it’s a true story. We are still very good friends.


Katze

Ich hab mich mit einer Freundin getroffen, weil ich auf ihre Katze – für den Sommer, eigentlich – aufpassen sollte, und ich sollte auch die Katze kennenlernen. Und irgendwann saßen wir auf dem Balkon, und es war ihr ganz wichtig, dass sie mir auch alles mitteilt, was zu beachten war, dann mit der Katze. Und als wir da saßen, irgendwann merkte ich, dass da eine Fliege auf meinem Arm gelandet ist oder irgendwas, und ich hab das dann weggescheucht – und dann, als die Fliege zum zweiten Mal landen wollte, war ich dann schon bereit und ich hab sie dann wieder weggescheucht, mit etwas mehr Kraft – und dann plötzlich merk ich, das war doch die nasse Nase von der Katze. Die ist eigentlich zu mir gekommen und wollte mich beschnuppern und „Hallo“ sagen. Und da fühlte ich mich ganz schlecht.


Nun from the elevator

It happened three weeks ago, when I went to pick up my biopsy results for my thyroid. I was super stressful – and the doctor wouldn’t give me my results immediately. It was a very, very – I was very upset. It was a day full of turbulences and strong emotions, and as soon as I found out that nothing went wrong and that my results were negative, that I could finally breathe, I was strongly thinking about a woman, a woman I had met during my childhood – and she is a nun, so she lives isolated in a monastery in the mountains. I hadn’t seen her ever since. So I left the doctor’s cabinet, I clicked on the lift’s button – and here she comes. She exited the lift, and I finally realized that my faith was not totally wrong.


Peace

I never met my grandmother. And my father revealed me the story of her birth [..], when I got 33, so after many years. She died before, many many years ago. And aeh she was born in an Italian city, the name is Ferrara, and aeh, her mother was a catholic and her father was a jewish. At that period at the beginning of the 20th century in this Italian city, the jewish community was really important. It was normal for jewish young men to have affairs with very poor catholic women and after all, if the women remains pregnant, just to refuse to grow the child, the baby. So like for many others to my grandmother it happened that she was given away because the mother was too poor to raise her. And she stayed in this orphane place for some years. Then, at the beginning of the jewish [?] in Italy she got adopted by a family and she moved to another city. And I remember, when I was very young, I heard about the fact that aehm she was called by someone, or she was calling her, remembering her like the jewish girl. But of course I didn’t know that. And most of all I never understood why for example my father didn’t want me to be [battas?], because my mother family is catholic. So I didn’t know that. And then when I discovered that story, a lot of little frames got together. Like for example the fact that my grandmother never had a proper family. She got, she gave birth to seven children, each basically from a different man. I suppose she was not a prostitute, but at least she needed to have mens at her side to have money to grown her children. And she, aeh she had this very interesting life, and very painful, too. And somehow I can now say it was for a lack of roots and a lack of proper relation with her father who was basically the one who abandoned her. And in this case the father’s reasons was for, aehm, well for aehm, reasons related with religion. So, it’s even more weird if we think about contemporary issues on that subject. And aeh, I mean, I always suffered a lot for that lack of knowledge on that woman that has only a name for me, and little space on a catholic cemetery in Italy, in a place where nobody can see her, like, I don’t know. So a part of my life has been devoted to the study of [laughs] jewish cemeteries. Because somehow, after I knew, I learned the story of her, I thought that she should belong to a jewish cemetery and stay, stay in peace, in a different place. And I would like to thank you because probably this night, for the very first time, I think she found peace.


Our house in Baltimore

So I used to live in this house in Baltimore, Maryland. And, it was a big warehouse, and we had line roommates, living there, and aehm, everyone was different types of artists, and they were all really fucking‘ weird. Aehm, and there was this one girl that used to just like go into these crazy fits. Aehm, and, we really loved her. She was amazing, she had the best comedy and she was just like sooo crazy. And she’d write the most amazing Facebook invites to the parties that we would have, at our house. But she also was just like, it was just so hard to navigate living with her. And [laughs] there was a time, actually there were like many times when the dishes would pile up a while. And we were like, man, like, we gotta get these dishes done somehow. And then when we would get to the bottom we were like: Where is like the big, where is like the bowl, or sometimes it was like a big pot, or where the fuck did all lour forks go? And we would loose things out of the house. And it was just like, this weird disappearance of things from the kitchen. And one day, aehm, we were like: let’s go check everyone’s rooms. At that point like somebody’s favourite mug was missing. And so we were like, let’s go find your favourite mug, it must be in somebody’s bedroom. And so (laughs) we went into all the roommates‘ bedrooms to go looking for whatever we were looking for. And we go into this one roommate’s room. And her room didn’t have any windows, and it was like really kind of terrifying. And there was like [?] you couldn’t even see, it was covered in stuff. And we went into her room and found all of our missing cuttlery and pots and bowls and mugs and everything that was missing. Underneath her bed. [long pause] And then we just brought it back to the kitchen.


Betrayal

It was a crazy night … out on the farm … where … … all the pain … and suppressed frustration … about loosing our baby, before it was even born … killed my spirit, and I drank and I smoked. And … I didn’t know where I was … until … one of my friend’s girlfriend came to me … We started talking to each other, behind the barn, and it ended up with having sex in the forest … while a stallion was running around in front of us. I felt so guilty while I did it. Even guiltier when I lay down next to him and her, in our camp site. For we had done the raw and pure frustrations, paired with inabilities to think and act right. That made us … fuck … like animals. … When I came to my senses again the next morning, I felt like I hadn’t only betrayed my girlfriend, or my loved, my friend, my respected, but most importantly myself.


Burned out

Ich erzähle von einer Situation, wo ich nie dachte, dass ich da je hinkommen würde. Ich war in den letzten Jahren sehr strebsam und hab sehr viel gearbeitet und war sehr motiviert, um an meiner Karriere immer weiter zu gehen und immer die Beste zu sein und perfekt zu sein und niemanden zu enttäuschen. Jetzt nach zehn Jahren, nachdem ich aus der Schule raus bin, finde ich mich in einer Depression, in einem Burnout und komme abends von der Arbeit nach Hause und fühle mich einfach nur leer und hab einfach keine Kraft mehr und keine Energie und hab nicht mal Energie, meine Freizeit nachzuholen. Ich habe Nervenzusammenbrüche auf der Arbeit, wo ich einfach anfangen muss zu heulen und auf die Toilette zu gehen und einfach für mich zu sein, weil ich mich so kraftlos fühle, ohne Energie, kann nichts mehr entscheiden, kann mich nicht mehr konzentrieren. Ich kann einfach nicht mehr mein Bestes geben und ich fühl mich einfach so enttäuscht von mir selbst und erkenn mich auch einfach nicht mehr wieder von dem, was ich mal war. So strebsam und vieles erreichen im Leben in kurzer Zeit und jetzt fühle ich mich einfach so fremd mir gegenüber und ich weiß einfach nicht, was ich machen soll. Ich kann einfach keine Entscheidung finden. Ich fühle mich gerade so, als würde ich gar nichts mehr hinbekommen und ich kann auch mit niemandem darüber reden. Es fühlt sich so an, wie so ein Tabu-Thema, wenn man eine Depression hat oder ein Burnout. Es ist dann einfacher zu sagen, man hat ein gebrochenes Bein oder der Rücken tut weh und man kann mal nicht arbeiten morgen. Wenn man was an der Psyche hat, dann ist das einfach nicht akzeptiert. Ich muss erst mal versuchen, mich selbst zu lieben und ja, damit offen darüber zu sprechen, auch mit Leuten, die anscheinend so etwas noch nie erlebt haben und wo das nicht normal ist, in Therapie zu gehen. Oder dass man sich einfach so entleert fühlt, wenn man abends nach Hause kommt und nachts nicht schlafen kann. Ich hoffe, dass ich dadurch eine Besserung finde, über die Zeit. Ich versuche, mir jeden Tag zu sagen, was ich heute Tolles gemacht habe, wem ich heute Gutes getan hab, was ich heute mir Gutes getan hab und dankbar zu sein, dass ich heute morgen aufgestanden bin. Und ich hoffe auf Besserung, ich darf nicht so Ergebnisse erwarten. Ich bin zuversichtlich, dass es in einem Jahr schon wieder besser sein wird.